Politik : Schlimme Rede, schlimmer der Rauswurf

Osthessens CDU kritisiert vor allem Hohmanns erzwungenen Abschied aus der Bundestagsfraktion

Esther Kogelboom[Fulda]

Die Delegierten der Osthessen-CDU sind Profis. Sie lassen sich nichts anmerken. Leicht ins Schleudern gekommen sind sie nach der Affäre um ihren Martin Hohmann, aus der Kurve geflogen aber sind sie nicht. Mit stoischer Gelassenheit, fast schon abgebrüht, absolvieren sie die Wahlen, die das Bezirksverbandstreffen am Sonnabend so mit sich bringt: Bezirksverbandsvorsitz, Bezirksvorsitz, Beisitzer, Schriftführer, Vertreter im Wahlvorbereitungsausschuss. Fritz Kramer, drei Jahrzehnte Vorsitzender der osthessischen Christdemokraten, stellt sich nicht mehr zur Wahl und wird zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Der neue Mann an der Spitze heißt Walter Arnold. „Diplom-Ingenieur, katholisch, verheiratet, drei Kinder“, sagt er über sich. Jeder im Fuldaer Kolpinghaus kennt ihn.

Auf Bezirksebene kennt sowieso jeder jeden. Und das scheint das Problem zu sein: Mit dem tief in dieser Gegend verwurzelten Hohmann verbindet viele mehr als nur Kollegialität. Von Hohmanns Rede können sie sich vielleicht noch abgrenzen, von der Freundschaft mit dem ehemaligen Bürgermeister von Neuhof können und wollen sie sich nicht distanzieren. „Unsere Betroffenheit gründet sich darauf, dass wir Martin Hohmann hier in Fulda nicht auf seine Rede reduzieren können“, sagt der neu gewählte Arnold und bringt damit auf den Punkt, was die Menschen im Saal fühlen.

Bestürzt gibt man sich in Fulda über die „harte Linie“ von Parteichefin Angela Merkel. Hohmann habe noch eine Chance verdient, gleichwohl sei seine Rede ein „schmerzhafter“ Fehler gewesen, sagt Arnold. Er habe sich mehr Kommunikation zwischen Berlin und Fulda gewünscht. „Wenn man die Rechte eines Bundestagsabgeordneten beschneidet, beschneidet man auch die seiner Wähler.“

Arnolds Vorgänger Fritz Kramer bezeichnet Martin Hohmann als „einen Freund, auf den Verlass ist“. Er habe sich glaubwürdig von seinen Äußerungen distanziert. „Ich fühle mit ihm, er tut mir unendlich Leid“, sagt Kramer, und für einen Moment wird es ganz still im Kolpinghaus. Die meisten hier scheinen Hohmann zu bedauern, sein „Schicksal“ geht ihnen offenbar nah, besonders den Damen. Kramer mahnt seine Parteifreunde, „besänftigend“ auf diejenigen einzuwirken, die mit ihrem Austritt drohen. „Stellen Sie dem einfach die Frage, wie er sich die Bundesrepublik ohne die CDU vorstellt“, sagt Kramer. Er wird lauter: „Wenn wir wollen, werden wir hinter uns lassen, was uns heute beschwert.“ Reichlich Applaus.

Entschieden ergreift ein 73-Jähriger aus der Senioren-Union das Wort. Hohmann sei keineswegs ein „mit brauner Schokolade überzogener Patriot“, schon gar kein „Antisemitist“, sondern „der Einzige, der das ‚C’ im Namen der Partei noch wirklich verdient“. Das Land werde von „Gottlosen“ regiert.

Der Unmut auf dem Podium, besonders jener der Bundestagsabgeordneten Helmut Heiderich und Dietrich Austermann, ist deutlich zu spüren. Dass man vorsichtig sein muss mit dem, was man sagt, das haben sie inzwischen begriffen. Heiderich und Austermann wirken wie auf verlorenem Posten. Sie sind die meiste Zeit in Berlin und irgendwie auch dafür verantwortlich, dass die Saaldiener einen neuen Stuhl in den Bundestag tragen mussten. Egal, wie sie gestimmt haben. „Typisch Politiker“, ertönt ein Zwischenruf, als Heiderich sanft zu relativieren beginnt.

Die Osthessen-CDU brennt darauf, sich und ihre Heimat zu rehabilitieren. Neuhof, Hohmanns Heimatdorf, sei kein „braunes Nest“, sagt Fritz Kramer. „Extreme von links oder rechts haben hier keine Chance.“

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