Schlingensief im Tagesspiegel : Alle entsorgen

Christoph Schlingensief

Über Berlin und Restberlin, also Deutschland, liegt ein fauliger Geruch. Rund um den Reichstag herrscht Beerdigungsstimmung. Das Kanzleramt verwaist, Gerhard hat vorsichtshalber doch schon mal gepackt. Siegessicher bügelt Frau Stoiber in der Bayerischen Staatskanzlei Edmunds Trachtenjanker auf. Joschkas Blutwerte sind nach dem letzten Wahlmarathon vollkommen im Eimer. Am Brandenburger Tor wird Guidos Spaßmobil abgeschleppt – absolutes Halteverbot in der Reichshauptstadt. Ein Hoffnungsschimmer.

Von hier aus wollten die neoliberalen Comedians um Wolfgang Gerhardt, Klaus Kinkel und Harald Schmidt ihrem 18-prozentigen Wahlvolk beim Erwachen zuschauen … und die übrigen 82 Prozent alsbald auf Erich- Mende-Kurs bringen. Auf dem als FDP-Sonderparteitag getarnten Treffen der Berliner Vereinsbank am 8.9., einer Parallelveranstaltung zum TV-Duell des designierten Kanzlers Schroiber, hatten sich noch einmal die lebenden Toten aller Altersklassen getroffen. Die „Neue Generation für Deutschland“, den Grundwerten ihrer Vorgänger aufs loyalste ergeben. Die Alt-68er, auf dem Neuesten Markt ungewollt zum Porsche gekommen; die Verbindungsbübchen, deren Siegelringe im blau-gelben Scheinwerferlicht funkelten; die Staubsaugervertreter, die noch vor Verlesung des Kassenberichts durch den Fachleiter für Propaganda und Populismus, Jürgen W. Möllemann, für wieder verwertbare Staubsaugerbeutel warben: „Der Sack ist brauchbar noch, aus dem dies kroch.“

Die Übertragung auf n-tv hatte der Doris ihrem Mann nur ein müdes Lächeln abgerungen, als er gerade seine fluterprobten Gummistiefel im Keller der Geschichte verstaute und bei der Gelegenheit gleich seinen Schulatlas mit hoch gebracht. Wo ist eigentlich der Irak? Stoiber proklamierte „Zeit für Taten“ und schaute sich in permanenter Sorge um den desaströsen Zustand seines geliebten Freistaats Deutschland zunächst einmal das Auftaktspiel des FC Bayern an.

Mit dem Urnengang am kommenden Sonntag wird er endlich zu Grabe getragen, der inhaltsleerste Wahlkampf in der Geschichte der noch so jungen Berliner Republik, die in den Gesichtern von Kanzler und -kandidaten schon extrem vergreist anmutet. „Deutschland, pack’s an!“ und entsorge sie – die soldatengestützten Heereslenker, die lösungslosen Inkontinenzteamchefs, die antisemitischen Fallschirmspringer … „Töte Politik!“, Deutschland, und sehe endlich ein, so ein Mist darf nie mehr wieder sein.

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