Politik : Schlüssel zum Arbeitsplatz D Von Ursula Weidenfeld

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Von jetzt an wird in ganz großer Münze bezahlt. Nichts anderes sagt der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, wenn er den Krach zwischen Mercedes und der IG Metall um die Arbeitszeit in BadenWürttemberg zur Schlüsselauseinandersetzung erklärt. Und wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder warnt, die Beteiligten möchten doch bitte ihre Abmachungen im Stillen treffen, anstatt die Republik mit Fackelmärschen aufzuschrecken, bestätigt er Frank Bsirske eher, als dass er ihn widerlegt. Ja, es ist eine Schlüsselauseinandersetzung, die derzeit bei Mercedes, bei MAN, beim Hausgerätehersteller BoschSiemens und in vielen anderen Unternehmen stattfindet. Verhandelt wird die Zukunft des Arbeitsplatzes Deutschland.

Wer sagt, dass nur um Einzelfälle und um Fünfminutenpausen gestritten wird, verschweigt, dass in diesem Land jeder Fall ein potenziell verhandlungspflichtiger Einzelfall geworden ist - und dass die Ansammlung von Pausen, Schichtzulagen und tariflichen Sondervereinbarungen zu einem stattlichen Kostenblock gewachsen ist. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wissen, dass in ein paar Jahren in der Metallindustrie nur noch in Einzelfällen die 35-Stunden-Woche die Regel sein wird. Sie erkennen, dass es im öffentlichen Dienst kaum noch einen Neuangestellten geben wird, der weniger als 40 Stunden arbeitet. Und sie sehen, dass bis dahin auf dem Bau das Weihnachtsgeld flächendeckend von den Lohnzetteln verschwunden ist.

Für die Arbeitnehmer ist es schwer erträglich zu akzeptieren, dass die Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Es sind mehr als Spannungsschmerzen, wenn sie sich über die Ungerechtigkeit beschweren, dass die Managergehälter in Deutschland immer weiter steigen, während ihnen selbst zugemutet wird, mehr fürs gleiche Geld zu schaffen. Dass Unternehmensstrategen in falschen Fusionen oder waghalsigen Übernahmen das Geld verschleudern, das sie für die Firma verdient haben. Das Bedrückende ist: Diese Schmerzen werden nicht verschwinden. Wer viele Industriearbeitsplätze in Deutschland erhalten will, wird sie aushalten müssen.

Denn die Gelassenheit, mit der das Land bisher zugesehen hat, wie Wirtschaftszweige verschwanden und neue entstanden, ist weg. In den vergangenen vierzig Jahren sind nahezu alle Textilarbeitsplätze ausgewandert, es gibt kaum noch Bergleute, Stahlarbeiter, Unterhaltungselektronik-Fachangestellte oder Landwirte. Fast vierzig Jahre lang wuchsen immer neue Jobs und neue Branchen nach, moderne Dienstleistungen wurden erfunden. Jetzt aber passiert das nicht mehr – nicht mehr in Deutschland oder nicht mehr zu den Konditionen, die die Arbeitnehmer gewöhnt sind.

Die Welt der sozialen Marktwirtschaft des Ludwig Erhard, die von vergleichsweise geringen Unterschieden zwischen Arm und Reich geprägt war, verschwindet. Aus einem westdeutschen Idyll sind verschiedene Welten geworden, in denen nicht einmal mehr dieselbe Sprache gesprochen wird: Es ist die Welt der Manager, deren Lohn an den Bezügen gemessen wird, die in den USA oder England, der Schweiz oder Hongkong gezahlt werden. Daneben die Welt der deutschen Industriebeschäftigten, die sich und ihre Einkommen an den Tarifverträgen messen, die sie selbstbewusst erhandelt und erstreikt haben – und die sie jetzt gegen Arbeitnehmer in Polen, China oder auch nur in Bremen verteidigen sollen. Dann gibt es die Welt der Arbeitslosen, für die das Wort Teilhabe einen ganz merkwürdigen Klang bekommen hat. Sie nämlich erleben, dass sie selbst dann kaum eine Chance bekommen, wenn sie verzweifelt nach Arbeit suchen – weil die Arbeitskosten immer noch zu hoch sind, um tatsächlich ordentliches Wachstum und neue Arbeit in Deutschland zu schaffen.

Die soziale Marktwirtschaft, die nach den Prinzipien Freiheit, Teilhabe und sozialer Ausgleich den gesellschaftlichen Frieden in diesem Land gesichert hat, zerfällt. Wer sie retten will, muss daran arbeiten. Mehr arbeiten, um genau zu sein.

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