Politik : Schlüsselrolle der Vereine

Deutschlands muslimische Gemeinden fördern auch die Integration / Erste umfassende Studie.

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Berlin - Wie wichtig sind muslimische Verbände? Und repräsentieren sie überhaupt die deutschen Muslime? Das waren die Fragen, über welche die Deutsche Islamkonferenz seit ihrer Einberufung 2006 lange besonders heftig debattierte. Schließlich ging und geht es dabei um Interessen: Die Verbände wollen sich als legitime Vertretung des deutschen Islam präsentieren, die staatliche Seite, Ministerien und Behörden, neigten in der Vergangenheit dazu, die Rolle des organisierten Islam eher herunterzuspielen – und vermieden so die heikle Frage, ob man ihm staatlicherseits einen Status ähnlich dem der Kirchen zugestehen muss.

Die Studie über „Islamisches Gemeindeleben in Deutschland“, die die Konferenz in Auftrag gegeben hatte und zum Plenum in dieser Woche präsentierte, könnte nun zur Klärung beitragen. „Religiöse Organisationen sind die häufigsten Vergemeinschaftungsformen von muslimischen Einwanderern in Deutschland“ heißt es in der Arbeit, die das Essener Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) für die DIK verfasst hat – die erste umfassende über muslimisches Gemeindeleben in Deutschland. Islamische Organisationen hätten hierzulande „eine Schlüsselrolle als Akteure der gesellschaftlichen Integration der Muslime und des Islam“.

Während aber die Kirchen durch die Kirchensteuer feststellen, wer zu ihnen gehört, bleibt das im Falle der Muslime weiter dunkel: Nicht nur kennen sie keine Mitgliedsbeiträge, auch ihr konkretes Engagement ist schwer zu messen: So sind zum Beispiel Frauen beim Freitagsgebet – vergleichbar dem christlichen Gottesdienstbesuch am Sonntag – durchweg „massiv unterrepräsentiert“, was die Verfasser damit erklären, dass viele dies nicht für ihre religiöse Pflicht hielten. Die Wochenendversammlungen der Aleviten dagegen besuchen etwa gleich viele Männer und Frauen.

Die Verfasser betonen daher, sie könnten zur Frage der Repräsentativität der Gemeinden nichts Neues beitragen. Sie klären allerdings erstmals einen anderen Punkt, der für die künftige Rolle des Islam in Deutschland wichtig werden könnte: Mehr als die Hälfte der Moscheegemeinden wurde in den 80er Jahren oder früher gegründet, sie bestehen folglich bereits seit rund einem Vierteljahrhundert oder länger. Die Stabilität einer Religionsgemeinschaft gilt als wichtiges Kriterium, um als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt zu werden.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass das Gros der mehr als 2300 geschätzten Gemeinden weit übers Religiöse hinau aktiv ist. Dabei überwiegen integrationsfördernde Angebote bei Weitem. So gibt es etwa deutlich öfter Deutschsprachkurse als Unterricht in den Sprachen der Herkunftsländer von Migranten. Eine mit der ZfTI-Studie verknüpfte Erhebung über die in Deutschland tätigen Geistlichen förderte zutage, dass die meisten von ihnen Hochschulbildung haben, allerdings – weil viele aus dem Ausland kommen – oft deutlich schlechter Deutsch sprechen als ihre Gemeindemitglieder. Sie äußerten mehrheitlich großes Interesse an Weiterbildungsangeboten.

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