Politik : Schluss mit lustig

Nach mehr als 50 Jahren verlässt Hamm-Brücher die FDP

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Von Hermann Rudolph

Vermutlich war dieser Schritt das Letzte, was Hildegard Hamm-Brücher noch glaubte, für ihre Partei tun zu können: der Austritt. Nach mehr als fünfzig Jahren hat die große alte Dame des Liberalismus die FDP verlassen. Der Grund liegt auf der Hand: einerseits Jürgen Möllemanns abermaliger Versuch, mit Äußerungen zu Israels Politik und zu Michel Friedman nach Wählerstimmen zu fischen, andererseits die zuerst zögernde, spät erst entschiedene Reaktion des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle. Letzteres wird man annehmen können. Denn so, wie man Hildegard Hamm-Brücher in ihrem langen politischen Leben kennen gelernt hat, ist ihr beides unerträglich: politisches Spielertum und Halbheiten in moralischen Fragen.

Unerwartet kommt dieser Abschied nicht. Hildegard Hamm-Brücher hat keinen Hehl daraus gemacht, dass ihr die neue, spaßgesellschaftliche Linie ihrer Partei nicht passte. „Streichen Sie sofort und ohne neuerliches Tamtam die eins vor der acht und die Idee des Kanzlerkandidaten“, schrieb sie empört, als Möllemann und Westerwelle sich entschlossen, mit den beiden Schnapsideen in den Wahlkampf zu ziehen. Und noch vor ein paar Monaten hat sie die Parteiführung vor der Duldung antisemitischer Ressentiments gewarnt, mit denen Möllemann umging. Was sich da zeigte, waren für die 81-jährige streitbare FDP-Politikerin Zeugnisse einer anderen Partei.

Das hat weniger mit ihrem Alter zu tun als mit ihrer Auffassung von liberaler Politik. Ein Gespräch mit Theodor Heuss, dem späteren ersten Bundespräsidenten, hatte den Funken gezündet. Aber ihre politische Überzeugung wurzelte tiefer: in der Erfahrung des Dritten Reiches, das sie aufrecht, im Umfeld des Kreises der Geschwister Scholl, durchlebt hat. Von daher stammte das Grundmuster ihres Politik-Verständnisses: moralische Sensibilität, Freiheit als Verpflichtung, Zivilcourage. Das hat sie auf allen Stationen ihrer politischen Laufbahn bestimmt - die Opponentin gegen das „rechte“ FDP-Establishment in Bayern in den fünfziger Jahren ebenso wie die liberale Bildungspolitikerin der siebziger Jahre und die Verteidigerin sozialliberalen Denkens Anfang der Achtziger. In Erinnerung geblieben ist ihre Rede beim Regierungswechsel 1982. Damals blieb sie in der FDP und stellte sich der Partei sogar noch 1994 als Präsidentschaftskandidatin zur Verfügung. In Spannung zu ihrer Partei stand sie fast immer. Nun war es zu viel.

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