Schlussspurt im Wahlkampf : Allein, allein - Angela Merkel kämpft für sich

In der letzten Woche des Wahlkampfs ist ihr tatsächlich noch ein Trick eingefallen: Wer sie haben wolle, sagt Angela Merkel, der bekomme sie „nur mit der CDU“. Es ist wichtig geworden, das zu betonen. Die Kanzlerin kämpft um jede Stimme. Auch gegen die FDP. Weil sie sich Optionen offen halten will.

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„Sie kennen mich.“ Drei Worte, und die sind schon beinahe Angela Merkels Gesamtkonzept.
„Sie kennen mich.“ Drei Worte, und die sind schon beinahe Angela Merkels Gesamtkonzept.Foto: dpa

Sie hätten ja bestimmt einiges für möglich gehalten, die zwei älteren Ehepaare auf dem Alten Markt in Magdeburg, aber dass die Kanzlerin jetzt auch noch hellsehen kann? Angela Merkel hat einen letzten Sonnentag erwischt für ihren Auftritt in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Am Rande des abgezäunten Zuschauerbereichs für die geladenen Hundertprozentigen sind viele stehen geblieben, die einfach mal gucken wollen. Merkel hält ihre Rede, die den Eingezäunten wenig Anlass für Jubel bietet, dafür den Fernstehern aber auch wenig Anlass für Widerspruch. Das Übliche eben.

Doch am Schluss, als es ums Kreuzchenmachen am Sonntag geht, da kommt etwas Neues. „Ich weiß, dass es manche gibt, die sagen: Merkel vielleicht – aber CDU? Na ja!“ Die zwei älteren Ehefrauen nicken unwillkürlich. Stimmt, so ist das! „Aber Merkel“, fährt Merkel fort, „kriegen Sie nur mit der CDU.“

Wenn ein Wahlkampf in die letzten Tage geht, stellt sich bei den Kämpfern oft ein ganz sonderbares Gefühl ein. Eigentlich ist alles gelaufen: Die Duelle, die wichtigen Interviews, die Plakataktionen, die ganze Strategie der Schlacht hat sich entfaltet. Für große Korrekturen ist es zu spät. Nicht weit von Merkels Tribüne tröpfelt ein steter Zug von Menschen in ein Briefwahlbüro in der Hauptwache – die interessiert die Rednerin schon überhaupt nicht mehr.

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Marc fragt Martenstein - Der Countdown zur Wahl
Marc fragt Martenstein - Der Countdown zur Wahl

Trotzdem zählen diese letzten Stunden mehr als viele andere davor. Die Zögernden, Zweifelnden, Unentschiedenen, die zaudern, wägen, warten bis zuletzt. Sie suchen nach guten Gründen für ihr eigenes Wählergewissen. Angela Merkel hilft ihnen dabei gern. Nur dass sie in diesen letzten Stunden einen neuen Gegner bekämpfen muss, das hätte sie sich vermutlich lieber erspart. Wer lässt sich schon gern dabei ertappen, wie er den Lebensabschnittsgefährten auf der Bank beiseiteschubst?

Auch bei der CDU beschäftigen sie sich schon mit der großen Koalition

„Wir wollen die christlich-liberale Koalition fortsetzen“, versichert die CDU-Chefin allenthalben, sogar wenn der Vorsprung nur ein, zwei Stimmen ausmache. Wahrscheinlich stimmt das. Aber es gibt eine zweite und eine dritte Wahrheit. Die zweite heißt: Schwarz-Gelb okay, aber nicht auf unsere Kosten. Die dritte: Nicht nur bei der SPD, auch bei der CDU beschäftigen sich ziemlich viele schon sehr konkret mit dem Gedanken an die große Koalition.

Amtlich ist das Thema in Merkels Partei ein noch größeres Tabu als bei den Sozialdemokraten. Schließlich ist Schwarz-Gelb die einzige offizielle Wunschkoalition, die eine Chance auf Verwirklichung hat. Keiner will hinterher schuld sein, wenn es nicht klappt. Außerdem mag niemand der SPD jene Zweifelnden zutreiben, die sozialdemokratischerseits ein Bündnis der zwei Volksparteien so übel gar nicht fänden. Soll Peer Steinbrück, findet einer aus der CDU- Strategietruppe, soll der Kanzlerkandidat also ruhig weiter für Rot-Grün werben, eine Kombination, für die eine Mehrheit inzwischen illusionär erscheint. Soll er weiter den tapferen Ritter geben, dem Respekt gebührt, weil er unverdrossen für ein Wunder kämpft. Derweil schlagen sich seine Sancho Pansas längst sachte seitwärts in die Büsche.

Seit kurzem treffen die dort im Gebüsch auf zwei ältere Herren. Die „Bild“-Zeitung druckte am Mittwoch ein Dreifach-Interview mit Steinbrück, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder. Der Uralt- und der Altkanzler sind darin nett zum Kandidaten, ausgenommen drei kurze Sätze. Steinbrück, lautet die Frage, habe es ja abgelehnt, als Vizekanzler in eine große Koalition zu gehen – ob der das dürfe? „Dürfen darf er das“, raunzte Schmidt. „Ob das klug ist, ist eine andere Frage.“ Schröder blieb da nur ein: „Ich kann dem nichts hinzufügen.“

Nein, klug ist es nicht. Unter Steinbrücks Fehlern war dieser freilich unvermeidlich. Als der Ex-Finanzminister vor Jahresfrist in die Kandidatur gestolpert wurde, schien Schwarz-Gelb erledigt und Rot-Grün denkbar. Außerdem hatte die SPD-Linke schon genug an einem zu schlucken, der sie früher schon mal als Heulsusen beschimpfte. Steinbrücks Absage, noch einmal unter Merkel als Minister zu dienen, war dieser Konstellation geschuldet – freilich auch dem prallen Selbstbewusstsein eines Mannes, der sich stark genug fühlte, die Beliebtheitskönigin zu entthronen.

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