Politik : Schnell aufs Trümmerfeld

Susanne Güsten

Ankara reagierte schnell. Kaum waren die Panzer der afghanischen Nordallianz in Kabul eingerückt, erklärte das türkische Außenministerium bereits, seine Diplomaten arbeiteten an der Wiedereröffnung der türkischen Botschaft dort. Auch das türkische Generalkonsulat im nordafghanischen Masar-i Sharif soll bald wieder seine Tore öffnen. Gleichzeitig meldete die türkische Regierung ihren Anspruch an, in Afghanistan "politisch, humanitär und militärisch" an vorderster Stelle mitzumischen, wie Außenminister Ismail Cem sagte.

Schon vor Wochen hatte die Türkei ihre Bereitschaft bekundet, in einer aus moslemischen Armeen formierten UN-Friedenstruppe für Afghanistan Führungsaufgaben zu übernehmen. Anders als bei der bisher ins Auge gefassten Entsendung von lediglich 90 Elite-Soldaten ist die türkische Regierung bei den Friedenstruppen offenbar bereit, nicht zu kleckern, sondern zu klotzen: In der Presse ist von 3000 Soldaten die Rede. Ministerpräsident Bülent Ecevit erklärte, sein Land könne "substanziell" dazu beitragen, das entstandene Machtvakuum in Afghanistan zu füllen.

Ähnlich selbstbewusst forderte der türkische Außenminister bei der Uno in New York als Gegenleistung für ein militärisches Engagement der Türkei ein politisches Mitspracherecht Ankaras bei der Gestaltung der Zukunft in Afghanistan. Nicht nur die türkische Regierung selbst glaubt, dass sie in Afghanistan etwas bewegen kann. Als erster türkischer Außenminister seit 1994 durfte Cem im UN-Sicherheitsrat in New York die Vorstellungen seines Landes darlegen. Der pakistanische Staatschef Pervez Musharraf machte bei seiner USA-Reise auf dem Hin- wie auf dem Rückweg eigens in Istanbul Station, um sich mit der türkischen Führung zu beraten.

Ein türkischer Alleingang ist das alles nicht. US-Außenminister Colin Powell ließ durchblicken, dass die US-Regierung fest mit Ankara rechnet. Ein mit den USA eng verbündetes Nato-Mitglied als Führungsmacht in Afghanistan - das passt gut in die Strategie Washingtons.

Und in diejenige Ankaras auch. In einer Zeit, in der die Türkei mit ihren Europa-Ambitionen nicht so recht weiterkommt, kann es Ecevits Regierung nur recht sein, wenn sie sich als Schlüssel-Macht im Afghanistan-Poker profiliert und sich als Partnerin der USA in der Krisenregion um Afghanistan unentbehrlich macht. In der unmittelbaren Zukunft hofft Ankara aber zunächst einmal auf weitere Hilfsgelder für die krisengeschüttelte türkische Wirtschaft als Zeichen westlicher Anerkennung. Diese Hoffnung ist nicht unbegründet. Seit Tagen steigen die Aktienkurse und der Wert der türkischen Lira, weil neue Hilfsgelder des Internationalen Währungsfonds (IWF) erwartet werden. Die Türkei könnte zum großen Gewinner der Afghanistan-Krise werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben