Politik : Schnupperrunde mit Tony

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Von Robert Birnbaum, London

Was treibt einen Kanzlerkandidaten dazu, den Regierungschef eines wichtigen Partnerlandes zu besuchen? Er will sich, für den Fall der Fälle, schon mal bekannt machen, er will durch bunte Fernsehbilder das Publikum daheim von seiner Fähigkeit zum Staatsmann überzeugen, und im speziellen Fall geht es um den Nachweis, dass sich Edmund Stoiber und Tony Blair nicht gegenseitig die Nasen abbeißen. Was, im übertragenen Sinne, immerhin ja denkbar erschiene.

Der britische Premier ist schließlich so etwas wie Gerhard Schröders bester internationaler Kumpel, des Kanzlers neue Mitte, eine direkte Kopie von Blairs New Labour. „Ich weiß nicht, ob Tony Blair von mir einen Rat annehmen würde“, merkt denn auch ein etwas skeptischer Stoiber vor dem Treffen an. „Vielleicht wird er eher Gerhard Schröder fragen.“ Tatsächlich fällt der Empfang in Downing Street 10 protokollarisch nicht ganz herzlich aus: Blair holt den Besucher nicht an der Tür ab und nach einer Stunde kommt der auch alleine wieder raus. Aber die Stunde ist immerhin das Doppelte des geplanten Zeitrahmens. Über viele Themen habe man geredet „bis hin zum Fußball“, berichtet Stoiber. Im Mittelpunkt standen europäische Themen, etwa die Kompetenzabgrenzung zwischen den europäischen Ebenen eine Stärkung der gemeinsamen Verteidigungspolitik. Stoiber lobt Großbritannien als wichtigen europäischen Partner – neben Frankreich, versteht sich. Wirklich strittige Themen bleiben aus der Schnupperrunde ausgespart. „Ich wollte natürlich beim ersten Kennenlernen nicht gleich mit den wuchtigsten Fragen anfangen. Das werde ich tun, wenn ich in der Verantwortung bin.“

Der Besuch hat also sein Ziel erfüllt: Man kennt sich jetzt, es gibt Fernsehbilder, und die Nasen abgebissen hat man sich auch nicht. Nur als Stoiber den Briten gesagt hat, ab Herbst werde man ja öfter miteinander zu tun bekommen, da hat Blair höflich geschwiegen – und gelacht.

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