Politik : Schockwellen im Land der schwarzen Berge

STEPHAN ISRAEL

BELGRAD .Über die Berge vom Kosovo her zieht ein scheinbar endloser Zug von Flüchtlingen.Sie stoßen zum Heer der bereits im vergangenen Jahr aus der Heimat vertriebenen Kosovo-Albaner, die im kleinen Montenegro Zuflucht gefunden haben.In der Hauptstadt von Podgorica und entlang der Verbindungsstraßen markiert die Polizeitruppe des westlich orientierten Präsidenten Milo Djukanovic Präsenz.Die Männer in den schwarzen Uniformen versuchen, den fragilen Frieden in Serbiens kleiner Schwesterrepublik aufrecht zu erhalten.

Die NATO-Intervention löst in Montenegro gefährliche Schockwellen aus.Die Bevölkerung im Land der schwarzen Berge ist gespalten.Eine Hälfte fühlt sich loyal zu Jugoslawien, seinem Präsidenten Slobodan Milosevic und dessen Widerstand gegen die "barbarische Aggression" der NATO.Die andere Hälfte sympathisiert mit Milo Djukanovic.Der 37jährige Präsident hat eine Polizeitruppe von rund 10 000 Mann unter seiner Kontrolle.Seine Reformregierung hat sich der in Belgrad verfügten Ausrufung des Ausnahmezustandes widersetzt.Und auch die Zensurbestimmungen wurden vorerst in Podgorica nicht angewandt.

Doch mit jeder NATO-Bombe, die auf montenegrinischem Boden niedergeht, droht die Unterstützung für die Reformer in Podgorica abzubröckeln."Jede Bombe, die explodiert, bringt frischen Wind in die Segel von Milosevic", erklärte Vizepremier Burzan diese Woche.Der Sprecher der amerikanischen Außenministerin Albright, James Rubin, kommentierte die NATO-Angriffe gegen die jugoslawische Bundesarmee in Montenegro mit den Worten, die NATO fliege keine Luftangriffe gegen das Volk Montenegros oder Serbiens, sondern gegen die Fähigkeit Milosevics, den Menschen seines Landes Gewalt und Leid anzutun.

Slobodan Milosevic hat seine Hausmacht in Montenegro.Die jugoslawische Bundesarmee verfügt hier über ihren einzigen Zugang zum Meer und über Luftabwehreinrichtungen.Rund 10 000 Soldaten sind im Land an der Adriaküste stationiert.Vor allem im nördlichen Teil der Republik haben die Milosevic-Anhänger ihre Hochburg.Nach Angaben der Belgrader Nachrichtenagentur Beta haben sich oben in den schwarzen Bergen bis zu 90 Prozent der Männer zum freiwilligen Dienst gemeldet.Die Polizeitruppe des westlich orientierten Djukanovic und die Belgrad-treuen Armeeinheiten sind praktisch gleich stark: "Beide Seiten beobachten einander, wobei ein Bürgerkrieg durchaus möglich ist", betonte ein Regierungsvertreter.

"Es besteht ernsthafte Gefahr, daß unser Staat in einem allgemeinen Gewaltausbruch verschwindet und niederbrennt", warnte Milo Djukanovic diese Woche gegenüber Journalisten.In Belgrad wird spekuliert, Milosevic könnte die NATO-Intervention als Vorwand für einen Putsch gegen seinen Rivalen in Podgorica nutzen.Das US-Außenministerium warnte Milosevic am Dienstag vor Schritten gegen Montenegros demokratisch gewählte Regierung.Der jugendliche Djukanovic ist schon länger auf Distanz zum Regime in Belgrad.Zuletzt hatte er angeboten, die NATO könne Montenegro als logistische Basis für die Friedensmission im Kosovo nutzen.Dann warf er Milosevic vor, das Land in einen "sinnlosen Konflikt" mit der NATO zu führen.Doch jetzt, da die NATO bombardiert, ist man auch in Podgorica vorsichtiger geworden.Das in der montenegrinischen Hauptstadt stationierte Zweite Armeekommando schürt angeblich mit falschen Gerüchten Panik in der Bevölkerung.Der Zustrom von Albanern aus dem Kosovo gefährdet zudem das fragile Gleichgewicht im kleinen Vielvölkerstaat.Über 20 000 Albaner haben im Land mit nur 600 000 Einwohnern in den vergangenen Tagen Zuflucht gefunden.

Die USA warnten unterdessen Jugoslawien erneut davor, die demokratisch gewählte Regierung in der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro zu stürzen.Dies würde zur Eskalation des Konfliktes zwischen der NATO und Jugoslawien führen, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums am Dienstag.Die US-Unterstützung für Montenegro sei stark und unerschütterlich.

Es handelte sich um die zweite Warnung der USA seit Beginn der NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien vor einer Woche.Die USA befürchten, daß Jugoslawien den derzeitigen Konflikt ausnutzen könne, um gegen die Teilrepublik vorzugehen.Der Sprecher des Außenministeriums erklärte, es habe in den vergangenen Tagen ernste Anzeichen gegeben, daß ein derartiges Vorgehen drohe.

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