Politik : Schöne neue Welt

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Man kann den Fortschritt der Globalisierung an vielerlei erkennen, unter anderem am Verschwinden einer bestimmten Sorte Witze. Noch vor ein, zwei Jahrzehnten gehörte der Topos „Anpassungswütiger deutscher Tourist versucht sich durch Sombrero als Einheimischer zu tarnen, Versuch wird aber von Baumwollshorts und Birkenstocksandalen vereitelt“ zum Standardrepertoire jedes besseren Karikaturisten. Doch die Internationale der Klamottenverkäufer hat gesiegt: Inzwischen laufen Menschen aus aller Herren Länder ungefähr gleich gewandet an Badestränden und in historisch wertvollen Kathedralen umher. Überhaupt, die Unterschiede verschwinden. Die Tiroler sind lustig, behauptet noch das ältere deutsche Volkslied. Dabei sind die Tiroler meistenteils grantig wegen der vielen Lastkraftwagen, die durch ihre Alpentäler dieseln, so dass sich der Tiroler heute charakterlich kaum noch vom Einwohner des Weserberglands unterscheidet. Selbst die großen Differenzen wanken. Treffen sich zwei Regierungschefs: Zapatero (Spanien) und Schröder (Germanien). Was sehen wir? Der heißblütige Südländer steigt aus seinem Auto und streckt kühl die Hand aus. Der nordisch-frostige Hannoveraner aber, er drückt den Gast an seine Brust, Küsschen links an der Wange vorbei, Küsschen rechts! Verkehrte Welt. Oder – am Ende – ist jener alte Witz zu Unrecht ausgestorben?

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