Politik : Schönste Meldung

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Kein Tag war wie der andere, im Oktober und November ’89. Die Ereignisse überschlugen sich. In den Räumen der Tagesschau konnten wir das DDRFernsehen empfangen. Ungläubig verfolgte ich wie alle Kollegen die neuen Töne aus dem anderen deutschen Staat. Menschen, die plötzlich nicht mehr wie das „Neue Deutschland“ redeten, die neue Forderungen erhoben. Und dann die geschichts- trächtigen Worte von Schabowski auf der Pressekonferenz! In der Redaktion wurde die Top-Meldung umgeschrieben, die ich um 20 Uhr verlas. Freizügigkeit angesichts Mauer und Stacheldraht? Wenn ohne Kontrollen in Berlin dieses menschenverachtende Monstrum zu passieren sein sollte, dann war seine Existenz doch ad absurdum geführt. Aber diese Schlussfolgerung war irgendwie unvorstellbar. Erst als das ZDF etwa eine halbe Stunde später die Nachricht über die Freizügigkeit in Berlin als Rolltitel einblendete, begannen die Menschen zu begreifen. Erste TV-Bilder über zunächst etwas ratlose Menschen am Übergang Bornholmer Straße. Und dann brach der Damm der Gefühle und riss die Menschen mit sich, wälzte in einer Nacht das nieder, was ein Regime in 27 Jahren versucht hatte aufrechtzuerhalten. Die Geschichte beschleunigte das Tempo und ließ die Mauer schließlich in einem Zeitraum verschwinden, der die Dauer ihrer Errichtung und ihre tödliche Perfektionierung rasant überholte. So war die schönste Meldung während meiner Tagesschauzeit wegen der eigenen Emotionen, zugleich auch die am schwersten zu präsentierende… Fotos: ARD, dpa

Jo Brauner war 1989 Sprecher der Tagesschau und ist vor wenigen Wochen in Ruhestand gegangen.

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