Politik : Schon einige tolle Tore

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Es ist ja nicht so, dass unsere Redenschreiber einen großen Spielraum hätten. Mit kreativen Ideen dürfen sie ihren Chefs nicht kommen, schon gar nicht, wenn es sich um Chefs wie die Bundeskanzlerin handelt. Sie will die Dinge einfach, so einfach, dass auch politikferne Schichten in der Ostprignitz spontan feststellen: „Hey, so simpel ist Regieren, hab ich gar nicht gewusst!“ Aber auch süddeutsche Parteitagsdelegierte sind oft dankbar für schlichte, bildhafte Sprache.

Geht es also darum, vor dem CDU-Parteitag den Zustand unseres Landes zu beschreiben, ist die Metaphorik des Sports erste Wahl für unsere Kanzlerin. Boxen geht allerdings momentan nicht, denn welcher Redner würde sich angesichts der Prügel für Axel Schulz schon zu dem Bild hinreißen lassen, die Koalition habe zwar in den ersten Runden voll auf die Glocke gekriegt, werde aber dennoch nach Punkten obsiegen ?

Nein, dann lieber Fußball. („Fußball?“, stöhnt der Redenschreiber, „Fußball hatten wir doch erst!“ Antwort Merkel: „Fußball.“) Doch so etwas will feinsinnig ausgearbeitet sein. Zum Beispiel: Wo befinden wir uns gerade? In der Mitte der ersten Halbzeit? Das geht präziser. Ja, Frau Kanzlerin? „Ein Jahr nach der Bundestagswahl befinden wir uns in der 23. Minute eines Fußballspiels.“

Wer sich so präzise lokalisiert, der darf auch selbstkritisch in die Zukunft blicken: „Ja, wir haben schon einige tolle Tore geschossen. Ja, wir hatten einige gute Chancen. Aber gewonnen? Gewonnen ist noch gar nichts. Weitere 67 Minuten Spielzeit liegen vor uns.“

67 Minuten. Das ist viel, lässt sich aber nur schwer einschätzen, wenn man nicht einmal weiß, wer der Gegner ist. Sind es die eigenen Ministerpräsidenten mit ihrem unstillbaren Drang zum Eigentor? Ist es die SPD mit Libero Münte („Entscheidend ist im Koalitionsausschuss“)? Ist es der FC Blau-Gelb, dessen soziale Kälte den Rasen tückisch eisglatt macht? Oder die harten Knochen von Eintracht Hartz, deren Sturmtank Oskar auf raffiniert verdeckte Abseitstore spezialisiert ist?

Genauso gut könnte der Gegner der Kanzlerin aber auch ganz Deutschland sein, jenes Land, das sich seit Jahren im Strafraum einigelt und aus einer betondicht verstärkten Mauer heraus jeglichen Reformeifer erstickt. Immerhin: Es sind offenbar Tore gefallen, tolle Tore sogar, wenn wir dem Sachverstand der Kanzlerin trauen dürfen. Oder doch eher Torheiten wie die unerwarteten Tempogegenstöße des Rüttgers-Clubs?

Gewonnen, da hat die Kanzlerin wohl recht, ist gar nichts. Auch wenn es bald nur noch 66 Minuten sind.

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