Politik : Schrecken, der nicht aufhört

30 Jahre nach dem Vietnamkrieg sterben immer noch Menschen an dessen Folgen

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Vergangenen Montag in Washington: Das US-Verteidigungsministerium gibt bekannt, dass Samuel Sharp, Malcolm Miller, Heinz Ahlmeyer und James Tycz mit militärischen Ehren bestattet werden. Am 10. Mai 1967, kurz nach Mitternacht, waren die vier Soldaten in Vietnams Provinz Quang Tri erschossen worden. Ihre Leichen fand man erst lange nach dem Krieg.

Vergangenen Montag in Ho-Chi- Minh-Stadt: Lam Hong Chau sucht Metallstücke, die er verkaufen will. Der 62-Jährige hatte den Krieg überlebt. Doch der Metallklumpen, den er nun findet, ist eine US-Granate von damals. Sie explodiert erst jetzt. Chau ist sofort tot. So starben 38000 Vietnamesen nach dem Ende eines Krieges, bei dem schon unglaublich viele umgekommen waren.

Vor 30 Jahren besiegten Kommunisten aus dem Norden die Südvietnamesen und deren Verbündeten, die USA. Vor und während des Krieges meinten Kritiker, US-Einmischung sei falsch. US-Präsidenten, zuerst Dwight D. Eisenhower, hielten die Dominotheorie dagegen: Falle ein Staat Kommunisten in die Hände, könnten viele andere folgen. Die These war falsch. Der rote Sieg in Vietnam brachte nur zwei kleinen Nachbarn den Kommunismus: Laos und, vorübergehend, Kambodscha.

1995 nahmen die USA und Vietnam wieder diplomatische Beziehungen auf, 2002 schlossen sie ein bilaterales Handelsabkommen. Und so erobern nun US-Firmen Vietnam – auf Einladung des Politbüros.

Vietnam feiert am Sonnabend die „Befreiung“ Saigons. Die Metropole im Süden wurde in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt, zu Ehren von Nordvietnams Revolutionsführer, der 1969 starb. Heute sind Pepsi und Reebok, Ikea und Nike, Adidas, Coca-Cola und viele andere mit Produktionsstätten da. Nach dem Krieg hatte Vietnams kommunistische Partei nur elf Jahre lang VEB-Politik nach DDR-Vorbild gemacht. Dann, auf dem 6. Parteikongress, begann „Doi Moi“ – Erneuerung: Privatisierung und stetige Öffnung für Auslandsfirmen. Seitdem wächst die Wirtschaft rapide, im vergangenen Jahrzehnt um sechs Prozent pro Jahr. In Asien ist nur China schneller. Vom verdoppelten Bruttosozialprodukt profitieren viele Vietnamesen. 1990 waren 70 Prozent von ihnen arm, heute ist es noch ein Drittel. Doch die Steigerungsraten sind deshalb so hoch, weil das Ausgangsniveau so niedrig war. Vietnam ist so groß wie Deutschland und hat genauso viele Menschen – die Vietnamesen erwirtschaften heute aber im Jahr weniger als die Deutschen wöchentlich. 20 Millionen müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen, jedes dritte Kind ist unter- oder mangelernährt.

Die Weltbank koordiniert einen großzügigen Geberklub. Pro Kopf gehört Vietnam zu den weltweit größten Entwicklungshilfe-Empfängern. Doch viele Geber stört, dass sich Vietnams Reformen auf die Wirtschaft beschränken. Die Kommunisten lassen keine Meinungs-, Versammlungs- oder Gewerkschaftsfreiheit zu, unterdrücken jegliche Opposition, kontrollieren die Medien samt Internet.

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