Politik : Schröder: 2000 war gut: Nur kein scharfes Wort

Thomas Kröter

Ob Stefan Raab das gehört hat? "Schon wieder", stöhnte Gerhard Schröder. "Ich kann doch nicht immer!" Schlummert hier Material für einen Nachfolge-Mix des Spaßvogels zum Kanzlerruf nach einer Flasche Bier? Im Ernst seines vorweihnachtlichen Bilanz- und Ausblick-Auftritts in der Bundespressekonferenz wehrte sich der Regierungschef bloß gegen den Ruf nach einem neuerlichen Machtwort - diesmal angesichts der Debatte um den Umgang mit Helmut Kohls und anderer Stasi-Akten zwischen Innenminister Otto Schily und der neuen Chefin der Gauck-Behörde, Marianne Birthler. Das gehe nun vor Gericht, erinnerte Schröder nicht nur die beiden Hauptkontrahenten. Solange rate er: "Feuer einstellen".

Ohnehin war der Kanzler alles andere als kriegerisch eingestellt. Helmut Kohl, der Vorgänger, pflegte sich bei derlei Gelegenheiten regelmäßig Wortgefechte mit Fragern zu liefern, die es ihm an Respekt fehlen ließen oder von denen er ohnehin nichts hielt. Müde sah Schröder aus an diesem frühen Donnerstagnachmittag und blass. Dass er den Vorwurf des Düsseldorfer CDU-Chefs Jürgen Rüttgers, in der Debatte um die Gentechnik weise er ein Wertedefizit auf, "amüsiert" zur Kenntnis nehme, wo der doch die wertemäßig zweifelhafte Kampagne "Kinder statt Inder" zu verantworten habe - das war schon der Höhepunkt an Polemik.

Ganz auf staatsmännischen Frieden war Schröder eingestellt. An Edmund Stoibers Kritik an der Rentenpolitik der Bundesregierung fiel ihm vor allem der moderate Ton auf, in dem der Bayer sie geäußert habe. Und schon ergriff der Kanzler die Gelegenheit, die gute Zusammenarbeit mit den Ministerpräsidenten in Sachen Europa zu loben. Nur kein scharfes Wort - das walteten nicht bloß Müdigkeit oder vorweihnachtliche Milde, sondern auch sein taktischer und strategischer Instinkt. Die Übereinkunft mit den Ländern ist nämlich, Abteilung Ausblick, für einen Teil jener vier Projekte nötig, die sich Rot-grün für das kommende Jahr vorgenommen hat - an der Spitze die verfassungsgerichtlich verordnete Neuordnung des Länderfinanzausgleichs samt eines Solidarpakts II für die neuen Länder. Da ist Kampf angesagt unter den Ministerpräsidenten. Und wenn der Bundeskanzler, nebst Finanzminister, es schafften, in die Vermittlerrolle zu schlüpfen, hätten sie die Länderlobbyisten ziemlich ausgebremst. Aber so etwas würde Gerhard Schröder öffentlich natürlich nicht sagen - ebensowenig, wie er sich zu einem Kommentar zur womöglich abflauenden US-Konjunktur verleiten lässt. Das würde womöglich dazu beitragen, dass sie wirklich nachlässt, sagte er, ganz Weltökonom wie Vorvorgänger Helmut Schmidt.

Auch andere Verlockungen sind zu plump, als dass Schröder ihnen anheimfiele, so etwa der unsittliche Antrag, Noten für sein Kabinett zu verteilen. Ihre Arbeit sollen sie machen, Andrea Fischer zum Beispiel und Karl-Heinz Funke im Kampf gegen BSE.

Aber an einem Punk lässt er überhaupt keinen Zweifel: Zum umstrittenen, angeschlagenen Arbeitsminister Walter Riester steht er in Treue fest. Was der wirklich leiste mit seiner Reform, das werde man später noch verstehen, unkte Schröder und wirkte fast Helmut Kohl, wenn er in guten Zeiten seinem "Nobbi" Blüm gegen die Sozialdemokraten zur Seite stand. Friede, Freude also, nur die Lebkuchen und die Kerzen fehlten, so wie daheim in Hannover auf dem festlichen Esstisch die garantiert BSE-freie "Doretta", der Schröders Stieftochter das Leben rettete. So begrüßte der Kanzler seine Frager gleich mit den Worten: "Ich hoffe, man hat Ihnen nicht Ihre Gans genommen."

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben