Politik : Schröder Award: Deutscher Regierungschef wird ausgezeichnet

Thomas Kröter

"Ich spreche zu Ihnen als Deutscher und Europäer." Mit diesen Worten begann Willy Brandt am 26. September 1973 die erste Rede eines deutschen Bundeskanzlers vor der Vollversammlung der vereinten Nationen. Im Juni des Jahres waren Bundesrepublik und DDR nach Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen beiden deutschen Staaten in die Weltorganisation aufgenommen worden. Brandts Nachfolger Helmut Schmidt sprach zwei Mal in dem großen Saal am New Yorker East River - 1978 und 1982 jeweils im Rahmen von Sondergeneralversammlungen zur Abrüstung. Helmut Kohl folgte 15 Jahre später auf einer Sonderversammlung zur Umweltpolitik. Nun also Gerhard Schröder.

Obwohl erst seit zwei Jahren im Amt bekommt der Bundeskanzler bei seinem Besuch in New York außerdem eine der renommiertesten amerikanischen Auszeichnungen für Politiker, den "World Statesman Award" der Appeal-of-Conscience-Stiftung. Zu den bisher Ausgezeichneten zählen Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Michael Gorbatschow und Henry Kissinger, der Schröder den Preis gemeinsam mit Stiftungsgründer Rabbi Arthur Schneier bei einem feierlichen Abendessen überreichen wird. Die Stiftung würdigt Schröder "als einen politischen Führer, der die wirtschaftlichen und politischen Grundlagen dafür legt, Deutschlands Demokratie zu stärken und seine führende Rolle bei der Integration Europas".

Möglicherweise würdigt die Auszeichnung Schröders Rolle bei der Regelung für die Entschädigung von Zwangsarbeitern in der Nazi-Zeit. Rabbi Schneier, geistliches Oberhaupt des jüdischen Tempels an der Fifth Avenue, musste sich während des Zweiten Weltkriegs in Budapest verstecken. Seine 1975 gegründete Stiftung fördert unter anderem religiöse Toleranz und Völkerverständigung. Gerhard Schröder könnte in seiner Rede leicht Willy Brandt zitieren: "Wir sind nicht hierher gekommen, um die Vereinten Nationen als Klagemauer für die deutschen Probleme zu betrachten", sagte er 1973, sondern "um - auf der Grundlage unserer Überzeugungen und im Rahmen unserer Möglichkeiten - weltpolitische Verantwortung zu übernehmen."

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