Politik : Schröder: Firmen müssen Familien helfen

Personalpolitik soll kinderfreundlich sein / Unternehmen ziehen positive Bilanz ihrer Angebote an Eltern

C. Eubel[M. Meisner],S. Kaiser[M. Meisner],R. Woratschka

Berlin - Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat die Wirtschaft aufgefordert, mehr Rücksicht auf die Belange von Familien zu nehmen. Dies gehöre in vielen Betrieben „leider noch nicht zur Unternehmensstrategie“, sagte Schröder am Mittwoch auf einer Konferenz in Berlin. Zugleich lobte der Kanzler, in vielen Unternehmen setze sich bereits die Erkenntnis durch, dass es sich sogar betriebswirtschaftlich rechne, auf Familien Rücksicht zu nehmen. „Flexible Arbeitszeiten und eine familienfreundliche Personalpolitik sind ein gutes Geschäft, weil beide Seiten profitieren“, argumentierte Schröder.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, sieht das ähnlich, beklagt aber das Fehlen einer flächendeckenden Kinderbetreuung. „Kitas brauchen mehr Freiräume, damit Öffnungszeiten bis 18 Uhr 30 oder 19 Uhr möglich werden. Eine durchgängige Betreuung über Mittag und während der Schulferien muss selbstverständlich sein.“ Schröder forderte die Arbeitgeber auf, dabei zu helfen, den Ausbau der Kinderbetreuung voranzutreiben.

Der langjährige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, betonte, die Unternehmen seien „nicht verantwortlich für die Familienpolitik“. Gerade kleinere Firmen seien bereits „geplagt mit gewaltigen Abgaben“ und könnten „nicht auch noch Betriebskindergärten bereitstellen“. Hier seien vielmehr die Kommunen gefordert, denen ja auch die Gewerbesteuer zugute komme. Er kritisierte zudem, dass der Staat als der größte Arbeitgeber seiner Vorbildfunktion nicht gerecht werde.

Das Bundesfamilienministerium will im Mai besonders familienfreundliche Unternehmen auszeichnen. Im Wettbewerb dafür ist etwa der Kasseler Energiekonzern Wintershall. Dort wird ein so genannter Work-and-life-Service angeboten, der den Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern soll. Dazu gehört ein Kinderhaus, das in Sichtweite der Konzernzentrale in einem leer stehenden Bürogebäude eingerichtet wurde. 70 Kinder im Alter von sechs Monaten bis zwölf Jahren werden dort betreut. Das Modell zahlt sich auch für den Betrieb aus. Die durchschnittliche Länge der Elternzeit hat sich in fünf Jahren von 33 auf 18 Monate reduziert. „Die meisten unserer Mitarbeiter nutzen ihre Zeit gar nicht voll aus“, sagte eine Unternehmenssprecherin. „Im Schnitt stehen sie uns nach sieben Monaten wieder in irgendeiner Form zur Verfügung.“ Der Energieversorger Eon Ruhrgas hat betrieblich vereinbart, dass Eltern auch fünf Jahre nach Geburt des Kindes wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkommen können. „Wir wollen qualifizierte Mitarbeiter im Unternehmen halten“, sagte eine Firmensprecherin. Es gebe vor allem bei Frauen ein großes Potenzial an Führungskräften.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt fordert eine Verkürzung der Elternzeit, „im Interesse der Mütter und der Wirtschaft“. Familienministerin Renate Schmidt (SPD) verwies dagegen auf Umfragen, wonach die Unternehmen sehr wohl mit der jetzigen Regelung leben könnten.

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