Politik : Schröder in Russland: Der Mediengipfel

Christoph von Marschall

Kurz vor der Landung muss die Kanzlermaschine eine Schlecht-Wetter-Front durchqueren, aber im Stadtzentrum von St. Petersburg wird Gerhard Schröder von einer warmen Frühlingssonne begrüßt. 16 Grad in diesen Breiten Anfang April - es wirkt, als lächle der Himmel gütig zu den Versöhnungsriten der Weltkriegsgegner. Bei der Kranzniederlegung vor der "Rodina Matj", (Mutter Heimat), einer zwölf Meter hohen Bronzestatue, trifft Gerhard Schröder zum ersten Mal bei den diesjährigen Regierungskonsultationen auf Wladimir Putin. Auf dem Piskarjow-Gedenkfriedhof liegt eine halbe Million der insgesamt 900 000 Opfer der fast dreijährigen deutschen Belagerung Leningrads, wie St. Peterstburg zu Sowjetzeiten hieß. In die granitene Gedenkmauer am Ende des monumentalen Gräberfeldes sind Verse der russischen Dichterin Olga Bergholz eingeschlagen: "Doch wisse, wenn Du diese Steine siehst: Keiner ist vergessen, und nichts ist vergessen."

In der Erinnerung an das düstere Kapitel scheinen der Kanzler und der Präsident diesmal leichter Gemeinsamkeiten zu finden als bei den aktuellen Fragen: Begleichung der russischen Schulden, die unterschiedliche Haltung zur US-Raketenabwehr, Klagen der deutschen Wirtschaft über Protektionismus des russischen Markts und Behinderungen bei Investitionen.

Nachmittags, in der Petersburger Universität, scherzen Putin und Schröder miteinander, während Rektorin Werbizkaja die lange Tradition dieser 1724 von Peter dem Großen gegründeten "Zwölf Kollegien" am Nevaufer erklärt. Sie sind gekommen, um den "Petersburger Dialog" der Zivilgesellschaften zu eröffnen. Zu diesem Zeitpunkt tagt die regierungsunabhängige Runde von Vertretern der Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft bereits seit einigen Stunden.

Putin spricht höflich, erwartet sich neue Impulse für die deutsch-russische Partnerschaft, hofft auf eine Ideenbörse. Und er sagt, auch Kritik könne für Regierungen durchaus von Nutzen sein. Eine einlenkende Anspielung auf den Kampf um den Kreml-kritischen Fernsehsender NTW, den der staatliche Energiekonzern Gazprom übernehmen möchte? Am Samstag hatten Zehntausend in Moskau dagegen protestiert. Am Sonntag auch 3000 in St. Petersburg.

Der Kanzler setzt sich für NTW ein - aber indirekt, so wie er es in China mit den Menschenrechten gemacht hat. Gerhard Schröder argumentiert mit ökonomischem Nutzen: "Ohne eine moderne Zivilgesellschaft kann es weder eine funktionierende Demokratie noch eine dauerhaft stabile Marktwirtschaft geben. Ein starkes Russland, wie wir alles es uns wünschen, braucht eine solche Zivilgesellschaft, wie es Medien braucht, die ihre Aufgabe, die Menschen zu informieren und die Macht zu kontrollieren, frei ausüben können."

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