Politik : Schröder, Koch und Prodi beim Bürgerfest in Wiesbaden

Christoph Schmidt Lunau

"Ein Feiertag für alle" soll der Tag der Deutschen Einheit werden, das wünschte sich der Gastgeber der Feierlichkeiten zum 3. Oktober, Hessens Ministerpräsident Roland Koch, bei seiner Rede im Wiesbadener Kurhaus. Der amtierende Bundesratspräsident erinnerte an den Mut der Menschen in der früheren DDR, die "unter einer realen Gefahr" auf die Straße gegangen seien. Die Einheit sei ein Geschenk, das mit Geld nicht aufzuwiegen sei. Viel Beifall bekam Koch, als er dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl für dessen Verdienste bei der Wiedervereinigung dankte.

Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte den 3. Oktober einen Tag des Dankes: Dank den Menschen im Osten, die mit ihrem Mut ein diktatorisches Regime in die Knie gezwungen hätten und Dank an die Menschen im Westen für ihre Solidarität. Vieles sei inzwischen erreicht, aber auch in Zukunft würden die Menschen im Osten der Solidarität bedürfen. Auch im Osten werde es unter dem Sparzwang Abstriche geben müssen, sagte der Kanzler, vor allem zugunsten einer größeren Zielgenauigkeit der Fördermaßnahmen. Die Förderung bliebe aber auf einem höheren Niveau als in den vergangen Jahren, versichert Schröder.

Romano Prodi, der Präsident der EU Kommission, nannte die deutsche Wiedervereinigung "eines der bewegtesten Ereignisse dieses Jahrhunderts" und verglich die Schwierigkeiten auf dem Weg dahin mit den Herausforderungen der Erweiterung der europäischen Gemeinschaft, zu der er sich als einem "aufregenden und ehrgeizigen Projekt" bekannte.

Mit nachdenklichen Worten hatte Limburgs Bischof Franz Kamphaus bei einem ökumenischen Gottesdienst den Tag eröffnet. Der katholische Geistliche erinnerte an die Gefühle im Osten, "wir aus dem Westen seien wie Eroberer gekommen". Der Bischof sprach von der "sozialen Kälte im Land", von der Gefahr einer "bösen Asymmetrie zwischen Ost und West" und beklagte die Orientierung auf materiellen Gewinn. Gleichwohl nannte er die deutsche Einheit "ein Geschenk des Himmels". Selbstkritisch sagte er: "Nicht wenige erleben die katholische Kirche in diesen Tagen wie einen Scherbenhaufen, brüchig in Sachen Solidarität."

Trachten aus den hessischen Regionen säumten den Weg der Prominenz aus der gesamten Republik. Bundespräsident, Bundesratspräsident, Bundeskanzler, die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, und der Gast, der EU-Kommissionspräsident passierten die Wachleute in den Uniformen der Hessischen Landwehr, die Polizei hielt sich in der zweiten Reihe. Man sah Dreispitz und Biedermeierkostüme, Schwälmer Trachten und Dirndl.

Die Parkanlagen der Stadt allerdings waren eher geprägt von der Bühnentechnik und dem Sound des 20. Jahrhunderts. Für das Bürgerfest waren alle Straßen der Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt, auf den Aktionsbühnen rockten, sangen und deklamierten Musikvereine, Chöre und Popstars bis in die späte Nacht, auch wenn das bis Mittag trübe Wetter dafür sorgte, dass die optimistischen Erwartungen zum Besucheranstrom nach unten korrigiert werden mussten. Die 16 Bundesländer präsentierten sich mit landesspezifischen Eigenarten, mit kulturellem und kulinarischem.

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