Politik : Schröder vergnügt sich mit der Partei-Rechten beim Spargelessen

Tissy Bruns

Alle, die mit uns auf Spargelfahrt gehen, müssen hitzebeständig sein. Das war das heimliche Motto der frühsommerlichen Spree-Fahrt, die am Dienstagabend vom Haus der Kulturen der Welt startete. Wieder ein historisches Ereignis, denn die traditionelle Spargelfahrt, die der "Seeheimer Kreis" der SPD alljährlich veranstaltet, fand zum ersten Mal nicht auf Vater Rhein, sondern auf der Spree statt. Und gegessen wurde diesmal Beelitzer, nicht Bornheimer Spargel. Als offizielles Motto gab Karl-Hermann Haack für die Veranstalter übrigens die Devise aus: "Regieren macht Spaß". Ein Wort, das unter Sozialdemokraten zwischen Herbst und Weihnachten 1998 sehr beliebt war - um dann für viele chaotische Regierungsmonate verschämt in der Versenkung zu verschwinden. Es ist übrigens, wie Haack bei der Gelegenheit auch gleich bekannte, bei einer Rotweinrunde von Seeheimern entstanden.

Auf der Spree ging es unter den Genossen so vergnügt zu wie lange nicht mehr. Ohnehin ist es kennzeichnend für die "Seeheimer", die auf dem "rechten" Flügel ihrer Partei angesiedelten Sozialdemokraten, dass sie zu Geselligkeit und Frohsinn mehr neigen als ihre links ausgerichteten Parteifreunde. Dieser Eigenheit ist es in starkem Maße zu verdanken, dass sie als ordnender Faktor in der Fraktion stets eine Rolle zu spielen wussten. Nicht anders als ihre historischen Vorläufer, die "Kanalarbeiter", die zu Zeiten von Willy Brandt und Helmut Schmidt die Regierungsfähigkeit der SPD gesichert haben. Ungeklärt ist bis heute, ob es Zusammenhänge zwischen den Namensgebungen von "Kanalern" und "Seeheimer" und ihrer Neigung zu Wasserfahrten gibt.

Nur "Ben Wisch" fehlte



Zu einer ordentlichen Spargelfahrt gehört die Anwesenheit von gedienten "Kanalarbeitern". Annemarie Renger, die alte Dame der SPD, Weggefährtin von Kurt Schumacher, zählt seit Jahr und Tag zum Kreis der Veranstalter. "Ben Wisch" (Hans-Jürgen Wischnewski) musste sich allerdings wegen Krankheit entschuldigen lassen. Helmut Schmidt ist mit den Seeheimern auf dem Rhein gefahren, als er schon längst nicht mehr Kanzler und Gerhard Schröder noch ein Linker war. Heute ist man stolz auf Bundeskanzler Schröder, die Seeheimer verstehen sich sogar ein bisschen als "Kanzlermacher".

"Schnell nach oben", war Schröders Motto, der kurz nach sechs erschien, im Schlepptau seine Sicherheitsleute und Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Nach oben, aufs Deck, wo es frische Luft gab. Die Prominententische aber waren in der Mitte des Decks gedeckt. Mit dem Kanzler schwitzte die Beelitzer Spargelkönigin Nicole sowie die Minister Riester und Schily, "der Senior im Kabinett, ich sage aber nicht, wie alt er ist" - so Schröder.

Lob der Sekundärtugenden

Der Kanzler war zwei Tage nach der Landtagswahl von allen Vergnügten der Vergnügteste. Denn gerade heute, als er sich am Brandenburger Tor von den Regierungsgeschäften ein wenig erholte, sich wie immer gern mit dem einen oder anderen Touristen fotografieren ließ, gerade an diesem Tag also war ihm mitten in Berlin eine neue Welle der Höflichkeit entgegengeschlagen. Und zwar, so der Kanzler in seiner kurzen Rede an die 360 Köpfe an Bord, von FDP-Abgeordneten.

Der gelernte Rechtsanwalt im Bundeskanzler brachte den Seeheimern den Wert von "Optionen" so nahe, dass einer seiner Zuhörer verblüfft und erfreut ausrufen konnte: "Das war aber viel deutlicher als in der Fraktion." Er sei "sozusagen gelernter Seeheimer", bekannte Schröder, um ein Lob der "Sekundärtugenden" anzufügen, ohne die man nicht regieren könne. In vergangenen, aber unvergessen Zeiten hatte einstmals Oskar Lafontaine abfällig Helmut Schmidt als Inhaber solcher Tugenden bezeichnet. "Den besten Spargel", wandte sich der niedersächsische Kanzler höflich an Nicole, "Majestät, den gibt es aber doch in Burgdorf." Den köstlichen aus Beelitz hat der Genosse Schröder bei der Spreefahrt aber auch nicht verschmäht.

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