Politik : Schröders Fortschritt: Vom Spaßkanzler zum Staatsmann light

Tissy Bruns

Lothar Späth denkt über die ersten beiden Jahre hinaus: "Ich weiß nicht, ob die Zeit sich nicht ihre Kanzler sucht." Gerhard Schröder könnte es gehen wie Helmut Schmidt, in dessen Zeit viele schwere Themen gefallen sind. Aber kein "historischer Vorgang", wie Willy Brandt ihn mit der Ostpolitik, wie Helmut Kohl ihn mit der deutschen Einheit gestalten konnte. Kohl habe Europa mit großer Geste entworfen, es könnte sein, dass Schröder der Richtige für den schwierigen Integrationsprozess sei. Sibylle Krause-Burger ist mit Prognosen vorsichtig. Eine "Momentaufnahme" hat sie mit ihrem Buch "Wie Schröder regiert" festgehalten, das Späth am Dienstag im Willy-Brandt-Haus vorgestellt hat. Die renommierte Journalistin hat den Kanzler von Jahresbeginn bis in den Spätsommer beobachten können. "Eine Zeit, in der er sich verändert hat", so die Autorin, "die Zeit, in der er allmählich begriffen hat, dass Kanzler sein kein Spiel ist."

Ihr Buch sei ein "Bericht über einen ganz neuen Regierungsstil". Sie sieht Schröder als den Vertreter einer neuen, unprätentiösen Generation. Krause-Burger bringt Schröder auf den Begriff: "der kompatible Kanzler". Dieser Bundeskanzler, lautet ihr Resümee, "regiert im Gespräch und durch das Gespräch. Und weil er, von ganz unten kommend, so viele Schichten unserer Gesellschaft und der Politik durchmessen und erlebt hat, weil er alle kennt, kennt er auch ihre Sprachen: die Sprache der Genossen, die Sprache der Bosse, die Sprache der Gewerkschaften, die Sprache der Parteien und die Sprache der Advokaten - die nicht zuletzt." Sie will es nicht als abwertend verstanden wissen, wenn sie Schröders Weg als den vom Spaßkanzler zum Staatsmann light beschreibt. Der Schröder von heute winke ab beim Wort Spaß. Für ihn, hat er einmal zu Krause-Burger gesagt, gebe es allenfalls noch den Begriff der "Freude an der Verantwortung".

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