Politik : Schürt Ankara Gewalt in Kurdengebieten?

Susanne Güsten

Istanbul - Die türkischen Sicherheitskräfte stehen im Verdacht, im Kurdengebiet einen neuen schmutzigen Krieg anzetteln zu wollen. Augenzeugen und Lokalpolitiker im südosttürkischen Semdinli machen Geheimagenten der zur Armee gehörenden Gendarmerie für Gewalttaten verantwortlich, bei denen zwei Menschen getötet wurden. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ordnete eine rückhaltlose Untersuchung an. Trotzdem protestieren im Kurdengebiet seit Tagen tausende Menschen gegen die Sicherheitskräfte. Bei einer Demonstration in der Provinzhauptstadt Hakkari wurde am Freitag ein Kurde von der Polizei erschossen.

Unbekannte hatten am Mittwoch in Semdinli einen Bombenanschlag auf einen Buchladen verübt, der einem früheren PKK-Mitglied gehört. Ein Kunde in dem Laden starb. Eine wütende Menschenmenge stellte anschließend den Täter und zwei mutmaßliche Komplizen. Bei den drei Männern handelt es sich nach übereinstimmenden Berichten aus der Region um Mitglieder der Gendarmerie. Auch das Fahrzeug, mit dem die drei fliehen wollten, gehört der Armee. In dem Wagen wurden Ausweispapiere der Gendarmerie und Waffen gefunden. Als der Staatsanwalt von Semdinli das Täterfahrzeug untersuchen wollte, eröffneten Unbekannte das Feuer auf ihn. Im Kugelhagel starb einer der Zuschauer, die sich um den Wagen versammelt hatten.

Der Abgeordnete Esat Canan, der Semdinli im Parlament von Ankara vertritt, machte die Sicherheitskräfte für die Gewalttaten verantwortlich. Entgegen den Gepflogenheiten weigern sich die Behörden beharrlich, die Namen der Festgenommenen bekannt zu geben.

Die Frage, welches Interesse die Sicherheitskräfte an einem Bombenanschlag in Semdinli haben könnten, ist bisher unbeantwortet. Möglicherweise wollen Kräfte im Sicherheitsapparat eine Beruhigung der Lage im Kurdengebiet verhindern; nach Zeitungsberichten könnte auch eine Art „Konterguerilla“ am Werk sein, die im Auftrag der Sicherheitskräfte gegen tatsächliche oder angebliche PKK-Anhänger vorgeht. Ähnliches gab es in den neunziger Jahren bereits. Bisher hatte Ankara stets erklärt, die wieder aufgeflammte Gewalt im Kurdengebiet gehe einzig und allein von der PKK aus – das ist jetzt fraglich.

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