Schulden überall : Die Sage von Bärenstadt und Eulenland

Es gibt eine Stadt, nennen wir sie Bärenstadt, da hat jeder Bürger 21.000 Euro Schulden - fast so viel wie in Eulenland. Was sind das bloß für Nutznießer, die einfach die Hand ausstrecken? Eine Kolumne.

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Den Bären auf der Flagge: Fahne auf dem Roten Rathaus.
Den Bären auf der Flagge: Fahne auf dem Roten Rathaus.Foto: dpa

Als die Welt noch in Ordnung war, gab es einmal ein vergnügtes Land, Bärenland genannt. In seiner östlichen Mitte befand sich die Bärenstadt, die noch vergnügter war als der ganze Rest. Dabei lief es mit den Geschäften dort nicht sonderlich. In düsteren Zeiten hatte Bärenstadt durch schwere Sünden den Bombenhagel der Gerechten auf sich gezogen. Es lag, wie das ganze Land, darnieder. Doch in den Jahrzehnten danach sorgten viele, vor allem das ferne Amerika auf der anderen Seite des Atlantiks, mit Milliarden Dollars dafür, dass Bärenland wieder auf die Beine kam.

Bärenstadt aber bekam darüber hinaus Bärenstadtzulagen, damit es satt und warm blieb. Obwohl dort weder Automobile noch Flugapparate gebaut werden, obwohl generell praktisch wenig bis nichts verdient wurde, hat man die Stadt nicht nur in kalten Wintern überschüttet mit Rosinen, Dollars und Privilegien.

Die reicheren Teile von Bärenland unterhalten den Lebensstil der Bärenstädter

Seit etwa einer Generation nun geht es fast dem gesamten Bärenland richtig gut. Historische Kompromisse sind geschlossen worden zwischen all jenen auf dem Kontinent, die einander einmal bekämpft hatten, und ein Großbärenland erstand aufs Neue. Sogar das verarmte Ostbärenland rappelte sich auf, während über einen so getauften „Solidarpakt“ gute eintausenddreihundert Milliarden Euro in das Gebiet hineinflossen. Man gewöhnte sich dort auch allmählich ab, wie früher üblich, von jeder öffentlichen Baustelle ein paar Zentner Zement oder Ziegel für das Erstellen privater Häuschen, Datschen genannt, abzuzweigen.

Und Bärenstadt? Lag mittendrin im Osten und mauserte sich zur Partystadt. Dort ging man Tanzen, unterhielt Opernhäuser und Theater, drehte Filme, erfand Werbesprüche, lag an den Ufern der Flüsse und Seen in der Sonne, und rühmte sich damit, „arm aber sexy“ zu sein. Ein wenig lebt Bärenstadt auch davon, dass Millionen neugieriger Reisender das Partywunder und die Bauten der Vergangenheit bestaunen möchten. Dennoch lasten auf der Stadt, Bürgschaften inbegriffen, rund 70 Milliarden Euro Schulden. Jeder zehnte Erwachsene arbeitet überhaupt nicht. Im Durchschnitt hat hier ein jeder, Mann, Frau, Kind und Maus, ein Minus von 21.000 Euro auf seinem Konto – so viel, wie im maroden Detroit in den Vereinigten Staaten. Gleichwohl, die reicheren Teile von Bärenland, in denen fast alle arbeiten gehen, unterhalten durch liebevolle Programme mit Namen wie „Länderfinanzausgleich“ und „Bundesergänzungszuweisungen“ den Lebensstil der Bärenstädter. Daher strömt Strom aus den Steckdosen von Bärenstadt, Wasser fließt aus den Wasserhähnen, Cabrios und Busse rollen die Straßen entlang, an deren Rändern Tausende in den Cafés sitzen und plaudern.

Was reden die Leute dort? Sie regen sich augenblicklich furchtbar auf. Im Süden des Kontinents, auf dem die Bärenpartymetropole sich befindet, liegt nämlich das bettelarme Eulenland. Hat man so was schon gesehen?! Im Durchschnitt hat dort jeder Einwohner, Mann, Frau, Kind und Maus, Staatsschulden von 28.000 Euro! Pro Kopf! Das ist ja mehr noch als in Bärenstadt, mehr als in Detroit! x Sie produzieren dort gar nichts weiter als Olivenöl und Käse, viele leben überhaupt nur davon, dass Millionen neugieriger Reisender dort die Wunderbauten der Vergangenheit bestaunen und an den Stränden liegen möchten. Nicht nur die Banken von Bärenland, nein, viele Banken des Kontinents, haben auf Staatsanleihen aus Eulenland spekuliert, das nun immer mehr Geld braucht, um die Zinsen zu bedienen. Und dieses Geld soll ihnen wiederum der halbe Kontinent ausleihen! x Unverschämt, gierig, faul, rein am Vergnügen interessiert, das schiere Partyland liegt da im Süden, ein eleganter Bettler! Noch dazu drängen nun aus Ländern, in denen Not und Elend herrscht, täglich neue Leute in das wackere Bärenland. Auch darüber entsetzen sich dessen Einwohner in Ost wie West, Nord wie Süd.

Ist es denn nicht schon genug, dass wir Ostbärenland und Bärenstadt mit Millionen unterstützen? So tönt es besonders aus dem Süden. Was sind das für Nutznießer, die einfach herkommen und die Hand ausstrecken? So hört man es besonders im Osten des Landes. Einige aber begannen überall im Land zu flüstern: Wie ist es uns denn ergangen? Hat es nicht Rosinen geregnet, als wir darnieder lagen? Waren wir nicht auch einmal in Not und auf der Flucht? Nennen wir uns nicht Christen, und haben wir nicht eine demokratische Verfassung, eine Grundlage für unsere Gesetze, in der die Würde des Menschen oberstes Prinzip unseres Tuns und Lassens ist? Schauen wir in den Spiegel, flüstern sie. Schauen wir in den Spiegel.

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