Schuldenkrise Griechenland : Die nützliche Oper

Bevor man in Griechenland am Gesundheitswesen spart, streicht man lieber den Kulturetat. Oder? Falsch! Die Nationaloper Athen tritt mit Mini-Inszenierungen gratis auf im ganzen Krisenland – und wird so zum Sozialprojekt.

Theodora Mavropoulos
Figaro, figaro, figaro! Mit Workshops geht die Nationaloper in Schulen und unterstützt so den Musikunterricht.
Figaro, figaro, figaro! Mit Workshops geht die Nationaloper in Schulen und unterstützt so den Musikunterricht.Th. Mavropoulos

Vor der prachtvollen Nationalbibliothek mit ihren zwei seitlich aufsteigenden Marmortreppen im Zentrum Athens ist das Straßenbild alltäglich: Autoverkehr lärmt durch die Straßen. Berufstätige bahnen sich ihren Weg, Touristengruppen streifen planlos herum, und Straßenverkäufer stehen an den Bürgersteigrändern vor ihren ausgelegten gefälschten Markenprodukten. Doch hinter der schweren Eingangstür der Nationalbibliothek scheint der Alltag ausgesperrt zu sein. Musik ist zu hören. Opernklänge.

In einer Bibliothek?

Richtung Lesesaal wird die Musik immer lauter, und beim Öffnen der Tür schmettert einem „Finch’han dal vino, calda la testa“ entgegen, die sogenannte Champagnerarie, das beschwingte Trinklied aus Mozarts Oper „ Don Giovanni“. Es ist Opernprobe. Zwischen deckenhohen Bücherregalen und Tischreihen mit grünen Leselampen. Am Tag darauf werden sie zu Opernlogen, und der Raum zwischen zwei Säulen, die den hinteren Deckenbereich der Nationalbibliothek tragen, wird zur Bühne. Der Regisseur klatscht kurz in die Hände, gibt zwei Anweisungen, dann 20 Minuten Pause. Don Giovanni, heute in Jeans, Hemd und Turnschuhen, springt hinter die Bühne, greift nach einer Wasserflasche.

Das Improvisierte ist Programm bei der „Opera tis Walitzas“, der Oper im Koffer. Das Projekt der Nationaloper Athen wurde vor gut zwei Jahren von ihrem Intendanten Myron Michailidis ins Leben gerufen. An öffentlichen Plätzen, wie hier in der Bibliothek, aber auch in Fabrikräumen, Schulen oder kleinen Stadttheatern in den Außenbezirken werden bekannte Opern in gekürzter Fassung aufgeführt. Das Bühnenbild ist eine verzierte, einklappbare Holzwand mit zwei Türen, mehr nicht. Den Part des Orchesters übernimmt ein Pianist. Der Eintritt ist frei.

Die Kulturszene wird in der Krise immer kreativer

Don Giovanni ist Dyonnisos Tsantinis, und der ist Bassbariton an der griechischen Nationaloper. Der 33-Jährige wirkt zufrieden, die Probe lief gut. Es mache Freude, außerhalb des Opernhauses aufzutreten. Man sei näher dran am Publikum. Und hier ohne erhöhte Bühne ist er im wörtlichen Sinne auf einer Ebene mit den Zuschauern.

Myron Michailidis ist seit 2011 Intendant der Athener Nationaloper.
Myron Michailidis ist seit 2011 Intendant der Athener Nationaloper.Foto: promo

Immer mehr Projekte wie dieses der Nationaloper entstehen in Griechenland. Es scheint, als ob die Kunstszene in Krisenzeiten aktiver und kreativer wird. „Weil die Gesellschaft hier einfach immer stärker danach verlangt“, sagt Tsantinis. Die Kunstszene beobachte, was die Menschen brauchen und versuche, darauf zu reagieren. Die Oper im Koffer sei gerade in Krisenzeiten eine gute und vor allem günstige Möglichkeit für die Menschen, ein wenig ihre Sorgen zu vergessen, die mit der Krise aufkamen. Schon ist die Pause vorbei, und der letzte Probendurchlauf beginnt. Alles klappt, und auch die Premiere am nächsten Tag wird ein voller Erfolg werden.

Eine weitere gefeierte Station der Oper im Koffer ist das Konferenzzentrum Metamorfosis im gleichnamigen Athener Außenbezirk. Der Saal ist brechend voll. Die Räumlichkeiten erinnern mehr an eine Schulaula als an den Glanz der Oper, dennoch ist die Stimmung feierlich. Viele der Besucher tragen Abendgarderobe. Manche sind zum ersten Mal in einer Opernvorstellung. So auch Panajotis. Der Mann Mitte 50 trägt eine schwarze Anzughose und ein weißes Hemd, darüber ein schwarzes Jackett. Als er am Ende der Vorstellung auf der Straße steht, sagt er, dass sei heute eine gute Chance für ihn gewesen. Er könne es sich nicht mehr leisten, auszugehen. Panajotis zuckt etwas hilflos mit den Schultern. Oper habe er zuvor nie ausprobiert. Die Aufführung fand er großartig. Er möchte wieder in die Oper gehen – vielleicht auch einmal ins Opernhaus selbst. Generalproben vor den Aufführungen seien umsonst. Er wiegt den Kopf hin und her, vielleicht, vielleicht. Dann setzt er sich auf sein Mofa und braust mit Geknatter davon.

Opernintendant Michailidis studierte in Berlin

Die Nationaloper Athen, die sonst als elitäre Institution galt, scheint durch ihre neue Strategie – die Nähe zur Bevölkerung – ein neues Publikum für sich zu gewinnen: Denn nicht nur die Menschen, die auch früher schon in die Oper gingen, sind bei den Aufführungen der Kofferoper anzutreffen. Immer mehr Menschen wie Panajotis, die sich Kinobesuche oder Rockkonzerte momentan nicht leisten können, kommen zu den kostenlosen Vorführungen. Auf der einen Seite unterstützt die Nationaloper Athen damit ihre geplagten Landsleute, auf der anderen Seite festigt sie ihren Stand als Kulturinstitution in Zeiten, in denen überall Geld gekürzt wird. Nicht dass jemand noch auf die Idee kommt, in diesen Krisenzeiten die Wichtigkeit der Oper anzuzweifeln!

Intendant Myron Michailidis lacht. Der Mann Mitte 40 sitzt in seinem ausgelagerten Büro im Zentrum Athens, ein paar Gehminuten von der Nationaloper entfernt. Er hat an der Berliner Universität der Künste in den 90er Jahren seine Dirigentenausbildung absolviert. Insgesamt lebte er 14 Jahre in Deutschland. Er fühlt sich dem Land verbunden, hat dort vieles gelernt, sagt er. Dann lacht er wieder: Daraus entstand wohl der gute Mix aus südländischem Temperament gepaart mit Disziplin. Der Mann in schwarzem Anzug und grauem Hemd ist trotz seiner zurückhaltenden Art eine stattliche Erscheinung und strahlt eine große Ruhe aus. Und die scheint wichtig in Krisenzeiten. Denn trotz vieler Erfolge der Nationaloper Athen: Das Budget des Hauses wird stetig gekürzt. Zwar sei die Einnahme durch den Kartenverkauf nicht eingebrochen. Offenbar würden viele der Stammbesucher lieber auf andere Dinge verzichten als auf ihren Opernbesuch, sagt Michailidis. Denn natürlich habe die Krise auch so einige aus dem Stammpublikum getroffen. Auch wenn das traditionell eher die Wohlhabenderen Griechenlands sind. Doch Michailidis muss stetig rechnen, einsparen, wo es nur geht.

Die Stiftung eines Reeders finanziert die Opernprojekte - und einen Opernneubau

Im vergangenen Jahr bekam das Haus noch 13 Millionen Euro vom Kulturministerium, ein Drittel des Betrages, den Berlin an seine Deutsche Oper zahlte. Doch nun wird diskutiert, ob der Betrag auf zehn Millionen Euro gekürzt werden soll. Für Michailidis steht das nicht zur Diskussion. Allein die Betriebskosten für die Nationaloper Athen lägen jährlich bei ungefähr 17 Millionen Euro. Das sei das absolute Minimum für ein ernst zu nehmendes Opernhaus. Darunter seien gute Produktionen kaum möglich.

Im Jahr 2008 bekam die Nationaloper Athen noch 33 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen. Doch Myron Michailidis scheint allen Finanzschwierigkeiten zu trotzen. Durch seine kreative Art bringt er die Oper trotz Schwierigkeiten nach vorne: 2011 übernahm er die Oper mit Schulden von rund 17 Millionen Euro und schraubte diese bis heute auf knapp fünf Millionen Euro herunter. Zwar wurde ihm in dieser Periode die Finanzierung des Hauses nahezu um die Hälfte gekürzt. Trotzdem schaffte es Michailidis die Produktionen fast zu verdoppeln. Sein Geheimnis? Zum Beispiel Requisiten und Kostüme umgestalten und immer wieder verwenden – ganz nach seinem Motto: Produktionen müssen nicht teuer, sondern gut sein. Damit überzeugt er auch private Finanziers. Bis vorerst Juli übernimmt die Stavros-Niarchos-Stiftung die Finanzierung der Oper im Koffer, die nach den Stationen in Athen durch ganz Griechenland tourt, um überall in der Nähe zur Bevölkerung zu sein. Niarchos, gestorben 1996, war ein Reeder und Kunstsammler. Seine Stiftung lässt in Athen gerade ein gigantisches Kulturzentrum mit Bibliothek und Opernhaus errichten, das dem Staat gespendet werden soll. Soweit die großen Gesten.

Um die kleinen kümmert sich Intendant Michailidis. Die Nationaloper untersützt – ebenfalls mit Geld der Niarchos-Stiftung – seit Mai 2012 mit zweitägigen Workshops den Musikunterricht an griechischen Grundschulen, denen das Geld für Unterrichtsmaterial ausgeht. Auch an der 99. Grundschule Athen macht sie das, die liegt im Stadtteil Agia Pandeleimona, einem Arbeiterviertel mit hohem Ausländeranteil. Geld war hier schon immer knapp und ist in Krisenzeiten noch knapper geworden. Die Schule reiht sich in eine triste Häuserreihe ein. Schon von Weitem sind Kinderstimmen zu hören. Dann klingelt es laut, die erste große Pause ist zu Ende.

Die Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und zwölf Jahren strömen aufgeregt zurück ins Schulgebäude. Und zwar allesamt ins Untergeschoss. Dort befindet sich die Aula, auf deren Bühne bereits geprobt wird. „Figaro, Figaro, Figaro“, schallt es durchs Treppenhaus. Darunter mischt sich Kinderlachen.

In der Aula stehen mehrere Sänger und singen sich warm. Einige schneiden Grimassen, bringen die Kinder wieder zum Lachen. Am Rand der Bühne ist ein kleines Orchester aufgestellt. Die Musiker bekommen vom Dirigenten Giorgos Aravidis letzte Anweisungen. Er hat die Leitung der heutigen Aufführung. Es wird die „Hochzeit des Figaro“ von Mozart gegeben. Der Inhalt der Oper wurde beibehalten. Doch die Texte sind ins Griechische übersetzt und vereinfacht worden. Die Spielzeit der Oper wurde auf eine Stunde gekürzt.

Auch das Nationaltheater ist volksnah - es kommt zum Hausbesuch

Auch die kleine Alexandra macht bei der Aufführung mit. Sie singt im Kinderchor, der seinen Platz vor dem Orchester hat. Mit ihren acht Jahren hat die Grundschülerin mit den langen braunen Haaren bereits sehr gut verstanden, dass das Projekt ihre Eltern entlastet. „Wenn man ins Theater geht“, sagt Alexandra, „ist das teuer, und hier machen sie das umsonst. Das hilft unseren Eltern, weil wir doch nicht die Möglichkeiten haben, ins Theater zu gehen, hier aber nichts zahlen müssen.“ Das kleine Mädchen strahlt. Dann hüpft sie zurück zum Chor, der zur letzten Probe ruft.

Christina Vergadou, die Musiklehrerin der Grundschule, kennt die Probleme. „Bei Geldsorgen wird natürlich zuerst an Kultur, also an Theatervorstellungen, Oper, Kino gespart, das ist klar“, sagt sie. Nicht einmal, wenn die Schule vergünstigte Karten anbiete, sei es den Familien möglich, die zu bezahlen. Da komme das Projekt „Oper an der Schule“ gerade recht. Vor den Workshops bekommen die jeweiligen Klassen ein Musikpaket zugeschickt. Darin enthalten sind Noten, Texte zur Oper sowie Material, um Kostüme zu basteln.

Auch das Nationaltheater Athens bewegt sich seit Mai 2012 fernab seiner üblichen Wege. Mit seinem Projekt „Theatro Katikon“ („Haustheater“) besucht es Menschen in ihren Wohnungen, denen es nicht mehr möglich ist, rauszugehen, denen zur Unterhaltung nur Radio und Fernsehen mit den oft deprimierenden Nachrichten bleiben. Zwei bis drei Mal pro Woche finden die Auftritte statt, die Interessierten müssen sich nur anmelden. Die Schauspieler des Nationaltheaters machen diese Hausbesuchsauftritte, ohne extra dafür bezahlt zu werden. Es werden dabei dann Novellen, Gedichte oder kurze Stücke vorgetragen.

Das sei oft sehr rührend, erzählt Stella Rapti, die das Projekt organisiert. Die besuchten Menschen wollten einem etwas zurückgeben, und so würden Kekse, Kuchen, Kaffee und vieles mehr angeboten. Egal, wie knapp es in der Haushaltskasse aussehe, irgendetwas stehe immer für die Künstler bereit.

Auch Maria Konstantinidou hat sich für das „Theatro Katikon“ angemeldet. Die 80-Jährige lebt im Zentrum Athens in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Viel Besuch bekommt die blinde Frau nicht mehr, denn Verwandte hat sie keine, und viele ihrer Freunde sind bereits gestorben. Durch einen Bekannten hat sie von jenem Projekt erfahren. Vor dem Besuch hat sie auf einer Vitrine Kaffee und Kuchen bereitgestellt. Herzlich geht die Theatertruppe auf sie zu. Heute trägt eine junge Schauspielerin ein paar Gedichte vor. Nach der Privatvorstellung wird noch ein wenig gesprochen, dann kommt der Abschied, „bis zum nächsten Mal!“, denn das „Theatro Katikon“ ist keine einmalige Sache. So oft sie möchten, können die Menschen sich für einen Besuch der Truppe anmelden. „Viele Menschen, bei denen wir waren, senden uns nach der Aufführung Texte, in denen sie von sich erzählen. Das ist für uns sehr interessant und eine große Bereicherung“, sagt Stella Rapti.

"Kunst schafft vor allem ein Gefühl von Gemeinschaft", sagt Intendant Michailidis

Der Intendant der Nationaloper, Myron Michailidis, hat seinen langen Arbeitstag für heute beendet. Er führt noch ein kurzes organisatorisches Telefonat. Macht ein paar Notizen. Legt dann den Stift beiseite. Er könne sehr gut verstehen, dass man in Krisenzeiten, in denen im Gesundheitswesen stark gekürzt werde, in denen Arbeitsplätze fehlen und immer mehr Menschen verarmen, leicht auf die Idee kommen könnte, den Sinn von Kultur anzuzweifeln. Doch bisher scheint deren Funktion nicht infrage gestellt zu werden. Die Kunst generell und in diesem Falle die Oper ermögliche eine kurze Reise in eine andere Welt, sie helfe, den Kopf frei zu kriegen, Dinge, die in der Gesellschaft geschehen, aufzuzeigen. Aber noch wichtiger sei etwas anderes. „Die Kunst schafft vor allem“, sagt Michailidis, „ein Gefühl von Gemeinschaft.“

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