Schule : Hessen auf Lehrerjagd

Weil es in Deutschland zu wenig Lehrer gibt, suchen sich Kultusminister ihre Pädagogen gerne auch in anderen Bundesländern. Der hessische Kultusminister Jürgen Banzer muss sich nun gegen den Vorwurf des "Lehrerraubs" wehren.

Stuttgart/WiesbadenLehrer sind in Deutschland wieder Mangelware. Einige Kultusminister wildern deshalb in anderen Bundesländern, um zum kommenden Schuljahr genügend Pädagogen für ihre Schulen zu finden. Nach Angaben des Philologenverbandes fehlen bundesweit 20. 000 Lehrer an Gymnasien, Gesamt-, Real- und Berufsschulen. Weil die Minister wissen, dass Unterrichtsausfall Eltern auf die Barrikaden treibt, greifen sie nun zu drastischen Methoden.

Lehrer, in der Vergangenheit von Politikern schon mal als Faulpelze beschimpft, sind zu heiß begehrten Fachkräften geworden. Die Minister in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern ärgern sich vor allem über ihren hessischen Kollegen Jürgen Banzer (CDU). Mit einer 240.000 Euro teuren Kampagne warb der geschäftsführende Kultusminister bundesweit um Lehrernachwuchs und bot ihm Vorteile wie höhere Einstiegsgehälter an Haupt- und Realschulen.

234 Lehrer aus anderen Bundesländern werden in Hessen unterrichten

Mit einigem Erfolg: Zum neuen Schuljahr werden 234 Lehrer aus anderen Bundesländern - vornehmlich aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg - hessische Schüler unterrichten. Das sind mehr als zehn Prozent aller neuen Kräfte. Banzer gesteht den Kampf um Lehrer freimütig ein. Er weist aber den Vorwurf mangelnder Ländersolidarität zurück. Andere Länder jagten auch Hessen Referendare ab, vielleicht stehe es diesmal aber "1:0 für uns, weil wir 100 mehr bekommen haben", meint der Minister.

So sportlich sieht das sein Kollege Helmut Rau (CDU) in Baden-Württemberg nicht: Hessen "räubere" auf fremden Terrain und verstoße gegen die Spielregeln der Kultusministerkonferenz. Nun sehe er sich genötigt, woanders nach jungen Pädagogen zu suchen. Er schaltete Annoncen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Sächsischen Zeitung" und der "Schweriner Volkszeitung"; darin werden 450 Lehrer für Gymnasien und Berufsschulen gesucht, vor allem in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Biologie.

Immer weniger Schüler in Ostdeutschland

In Ostdeutschland sieht man die Werbeaktionen gelassen. Dort fällt der Schülerrückgang weit dramatischer aus als im Westen. In Schwerin verweist Ministeriumssprecherin Johanna Hermann darauf, dass die Aktion von Baden-Württemberg abgesprochen sei: "Wir haben mit solchen Anzeigen noch kein Problem."

Die Sicherheit eines gut bezahlten Beamtenjobs macht die westdeutschen Länder für junge Lehrer interessanter als den Osten, wo viele Pädagogen angestellt sind. Das Höchstalter, bis zu dem Pädagogen verbeamtet werden können, variiert allerdings enorm. Hessen hat mit einem Höchstalter von 50 Jahren einen deutlichen Vorteil im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen mit einem Limit von 35 Jahren. Rheinland-Pfalz hat die Grenze wegen des Konkurrenzkampfes auf 45 Jahre hochgesetzt.

In Baden-Württemberg kann ein Lehrer bis zum 45. Geburtstag Beamter werden. Vorgezogene Ausschreibungsrunden sollen die fertigen Lehrer ebenfalls früher binden als bisher. Einen Wehmutstropfen sieht der Vertreter der Gymnasiallehrer, Bernd Saur, im Südwesten: "Die Aussicht, dass in Baden-Württemberg die Rente mit 67 für Beamte schneller eingeführt werden soll, schreckt ab."

Länder sollten bei der Suche nach Lehrernachwuchs an einem Strang ziehen

Saur sieht den Schwarzen Peter vor allem in Rheinland-Pfalz: "Die holen die Baden-Württemberger noch vor den eigenen Leuten." Das weist das Kultusministerium in Mainz zurück. Ressortchefin Doris Ahnen (SPD) sagt: "Es wäre schön, wenn alle Länder sich so intensiv darum kümmern würden, dass der Nachwuchs an Lehrkräften gesichert wird." Hessen versuche mit der Kampagne bildungspolitische Versäumnisse der Vergangenheit wettzumachen.

In Bayern hat man für das Jahr 2009 für Grund-, Haupt- und Realschullehrer Beförderungsmöglichkeiten geschaffen, um den Schuldienst attraktiver zu machen. Das habe aber nichts mit Konkurrenzkampf zu tun, sagt Sprecher Ludwig Unger. Hessens Vorgehen sei dagegen unverantwortlich: "Damit ist die Solidarität der Länder zulasten der Kinder infrage gestellt." Das kontert Hessens Minister Banzer mit dem Hinweis: "Wir haben Zuzugsfreiheit." (Julia Gierz/yr/dpa)

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