Politik : Schutz hinter dicken Klostermauern

STEPHAN ISRAEL

PEC . DIE FRIEDENSMISSION IM KOSOVODie dicken Klostermauern des Patriarchats von Pec bieten Schutz auf Zeit. Auf dem weitläufigen Gelände, zwischen den mittelalterlichen Kirchen und dem Sitz des Metropoliten, hat sich eine verzweifelte Schicksalsgemeinschaft zusammengefunden. Es sind ein paar hundert Serben, meist ältere Frauen und Männer, aus Pec und den umliegenden Dörfern. Sie sind mit Sack und Pack gekommen. Einige sind in einem Versammlungsraum an den Tischen unter den schweren Ikonen eingenickt. Sie haben schon vor ein paar Tagen hinter den Klostermauern Zuflucht gesucht. Einer versucht, über Funk den Exodus der letzten Serben von Pec zu koordinieren. Andere irren mit Tränen in den Augen und dem Schrecken in den Knochen durch den Garten. Der greise Metropolit Anfilohije ist gerade außer Haus. Er sei zur Bestattung der jüngsten Opfer der Rache der Albaner geeilt, weiß eine Klosterschwester im schwarzen Gewand. Vor dem Klosterportal steht ein Panzer der italienischen Einheit, die im Sektor von Pec und Umgebung das Sagen hat. Das Panzerrohr schwenkt über die Berge im engen Tal an der Grenze zu Albanien, als gelte es, einen unsichtbaren Feind ins Visier zu nehmen.Links und rechts des Panzers, auf der Straße vor dem Klosterportal, steht ein langer Konvoi von zwei Dutzend Fahrzeugen bereit. Stunden vergehen, und man wartet noch immer auf die Eskorte bis an die Grenze zu Montenegro. Andere sind ohne eigenes Auto und hoffen auf einen Bus, der sie in Sicherheit bringt. Jeder hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Die Männer in den Uniformen der Kosovo-Befreiungsarmee sind in der Nacht gekommen und haben an die Türen geschlagen. "Geh nach Serbien, hier ist nicht dein Staat", so die Botschaft, die den letzten Serben von Pec übermittelt wird. Andere haben die eigene Haustür aufgebrochen und die Wohnung schon von Albanern besetzt vorgefunden. Ist es die Rache dafür, daß das albanische Viertel und der alte Bazar von den serbischen Einheiten während der Nato-Luftangriffe dem Erdboden gleich gemacht wurde? Jeder hier fühlt sich unschuldig, will die albanischen Nachbarn oder zumindest deren Häuser während der schwarzen Tage von Ende März bis Anfang Juni beschützt haben. "Das Volk ist unschuldig, die Schuldigen sind schon längst geflüchtet", jammert die ältere Frau. Und es seien nicht die eigene Armee oder die serbischen Polizisten gewesen, die gebrandschatzt haben. Schuldig seien die Politiker in Belgrad oder die Banden von Serben aus Bosnien oder Kroatien, die schon in den früheren Kriegen das Handwerk des Plünderns gelernt hätten, weiß ein älterer Herr mit Mütze. Die Jugend hat man schon vor ein paar Tagen, nach dem Abzug von Polizei und Armee, nach Montenegro oder Serbien in Sicherheit gebracht. Doch auch für die Männer und Frauen an den Stöcken scheint in Pec und Umgebung kein Platz mehr. 30 Serben seien in den vergangenen Tagen verschleppt worden, berichtet einer, die Namen der Vermißten werden schnell aufgezählt. Zehn andere wurden alleine in der Stadt tot aufgefunden, meist in der Wohnung mit Kopfschuß hingerichtet. Sieben andere sind draußen in den Dörfern rund um Pec gestorben. "Noch nie ist es dem serbischen Volk so schlecht gegangen", klagt der Herr mit Mütze. Und das muß etwas bedeuten, denn die dicken Mauern des Patriarchats, dem historischen Sitz der serbisch-orthodoxen Kirche aus dem tiefen Mittelalter, haben schon einiges miterlebt.Auch am anderen Ende von Pec, vor zwei Wohnblöcken, einst vorwiegend von Serben bewohnt, rüstet man sich für den Exodus. Knapp 200 Serben warten auf dem Gepäck sitzend auf einen Autobus, der nicht kommen will. Italienische Friedenssoldaten regeln den Verkehr, und mehr können sie offenbar auch nicht tun. "Ich warte auf Befehle", erklärt einer von der Garibaldi-Brigade mit dem schwarzen Federnbusch am Helm. Auf die Italiener ist man in der Gruppe der Verzweifelten nicht gut zu sprechen. Wie soll man schon mit ihnen kommunizieren? Es gibt keinen Übersetzer weit und breit. "Sie haben gesagt, sie wollen uns schützen", schimpft einer der Wartenden. Doch das waren alles nur leere Versprechungen. 30 Jahre hat er in dem weißen Block an der Ausfahrt von Pec gelebt, und jetzt geht es in eine unbekannte Zukunft. "Sie meinen es gut, aber sie haben keine Kraft", zeigt sich die jüngste Frau verständnisvoll. Andere sind wiederum überzeugt, daß die Italiener und die Albaner "Hand in Hand" arbeiten.Auf der Straße herrscht reger Verkehr. Aus der Gegenrichtung kommen Lastwagen und Busse mit albanischen Rückkehrern vollgepfercht. Vor einem Laden bildet sich eine lange Kolonne. Albaner und wartende Serben würdigen sich keines Blickes. Man hat sich schon für immer verabschiedet. "Vielleicht fürchten sie die Rache", zuckt ein junger Rückkehrer mit den Schultern. Auf der Fahrt zurück Richtung Pristina brennen links und rechts der Straße Häuser. Wer waren die Brandstifter? "Die UCK", sagt ein Junge, der mit der Schubkarre unterwegs ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben