Politik : Schutzlos in Kabul

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Von Rüdiger Moniac

Der Bundeskanzler hat wenig Zeit. Auch den Berichten deutscher Soldaten über die Risiken ihres Einsatzes in Kabul kann sich Gerhard Schröder bei seinem Kurzbesuch in Afghanistan nicht lange widmen. Nur eine gute Stunde war für seinen Aufenthalt im Camp der rund 1200 Männer und Frauen vorgesehen, die unter Führung des Fallschirmjägergenerals Carl Hubertus von Butler gemeinsam mit Briten, Dänen und Österreichern in der afghanischen Hauptstadt für Ruhe und Ordnung sorgen sollen. Sie sollen damit auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich unter Interims-Ministerpräsident Hamid Karsai allmählich eine gefestigte politische Ordnung entwickeln kann.

Der deutsche Brigadegeneral muss mit seiner Truppe gegen drei gravierende Mängel kämpfen: Zu wenig minen- und beschusssichernde Ausrüstung, die den Soldaten die Garantie gibt, bei ihren Patrouillen in Kabuls Straßen unverhofften Hinterhalten heil zu entgehen. Zu wenig eigenes Fluggerät, um in sehr groß und sehr bedrohlich werdenden Gefährdungen die Truppe angemessen schnell evakuieren zu können. Und: Zu wenig vertrauenswürdige Einheimische, die ihm gewissermaßen als Nachrichtenagenten oder Spione berichten könnten, wenn in bestimmten Kreisen des Landes Anschläge oder andere riskante Aktionen gegen seine Isaf-Truppe vorbereitet werden. Das alles hat der deutsche Offizier erst kürzlich in einem sehr nüchtern und sachlich gehaltenen Lagevortrag seinem Vorgesetzten, dem Verteidigungsminister, bei dessen erster Reise nach Afghanistan und Usbekistan dargelegt. Butlers Sorgen waren danach eindeutig beschrieben. Rudolf Scharping, so wird berichtet, hat den hinter verschlossener Tür gegebenen Bericht des Generals unbewegten Gesichts entgegengenommen. Klar ist, dass der für den Einsatz der Deutschen in Kabul verantwortliche Politiker derzeit keine Möglichkeiten sieht, die Lage des Bundeswehr-Kontingents bei der finanziell unerquicklichen Situation im Berliner Verteidigungshaushalt entscheidend zu verbessern. Scharping hilft die in der Bundeswehr traditionell verankerte Haltung von Offizieren und Mannschaften, trotz Mängeln und Lücken nicht zu verzagen und sich selbst nach dem Motto zu motivieren: „Selbst mit dem wenigen, was wir haben, stemmen wir den Auftrag."

Das geschieht jeden Tag in Kabul. Auch wenn immer wieder Anschläge mit Handgranaten und Panzerfäusten verübt werden. Der Kabuler Truppe fehlen Fahrzeuge, die gegen Minenexplosionen geschützt sind und dem Beschuss mit leichten oder mittelschweren Infanteriewaffen Stand halten – wie der „Dingo". Sie müssen sich, wenn sie durch die Straßen patrouillieren, mit hochbordigen Unimogs begnügen. Da sitzen die Soldaten dann völlig ungeschützt. Mehr „Dingos“, aber auch mehr „Wiesel“ fordert die Truppe. Der „Wiesel“ ist der leichte Panzer der Fallschirmjäger auf Laufketten. Einige Dutzend weitere „Dingo“-Radfahrzeuge sind bei der Herstellerfirma bestellt worden. Von Butler und seiner Truppe nützt das heute wenig. Er muss trotzdem den Auftrag, in Kabul Frieden zu sichern, „stemmen".

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