Schwarz-Gelb : Koalition: Irrtum darf nicht sein

Die schwarz-gelbe "Wunschkoalition" gibt ein bedauernswertes Bild ab: Zank um Steuererleichterungen, Gesundheits- und Sozialpolitik. Ein Wissenschaftler erklärt, warum es in der Koalition an Zusammenarbeit hapert.

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Berlin - Die „Wunschkoalition“ aus Union und FDP hat nicht gerade einen Traumstart hingelegt. Darüber sind sich selbst die Koalitionspartner aus CDU, CSU und FDP ziemlich einig. Erst am Wochenende klagte FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger: „Permanent verbreitet irgendjemand eine abweichende Meinung. Das muss im neuen Jahr definitiv anders werden.“ Ist ein Kabinett von 16 Ministern einschließlich der Kanzlerin einfach zu groß, um seine Mitglieder zur Kooperation zu bewegen?

Das glaubt Professor Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, nicht, obwohl er die Erfahrung gemacht hat, dass Kooperation mit steigender Gruppengröße immer schwieriger wird. „In der Koalition mit der SPD waren es auch nicht weniger Minister“, sagte er dem Tagesspiegel. Mit einfachen Verhaltensanalysen sei aber einem Kabinett auch schwer beizukommen, sagt er. Schließlich seien die einzelnen Minister keine gleichberechtigten Individuen, sondern im Sinne des Wortes „Partei“ und darüber hinaus Teil einer offensichtlichen – im Fall der Kanzlerin – und einer informellen Hierarchie. Einige Minister seien wichtiger, weil ihr Ressort als gewichtig eingeschätzt wird, andere, weil sie aus anderen Gründen einen guten Ruf haben.

Eigentlich sollte sich Milinski über nichts mehr wundern. Seit Jahren macht er mit Studenten Verhaltensexperimente, um herauszufinden, wie Menschen zur Kooperation zu motivieren sind. Dabei sind seine Erfahrungen ziemlich ernüchternd. Bei Gemeinwohl-Spielen bricht die Kooperation immer nach einigen Runden zusammen. Konkret läuft das Spiel so: Sechs Spieler werden gefragt, ob sie bereit wären, einen Euro in einen Gemeinschaftstopf einzuzahlen. Dann verdoppelt der Versuchsleiter die Summe im Topf und verteilt sie gleichmäßig auf alle Spieler. Jeder könnte einen Euro gewinnen. Doch zahlt nur ein Spieler nichts ein, sinkt der Gewinn für alle, der Wenigzahler hat aber einen größeren Gewinn. Diese Dynamik lässt sich brechen, wenn das Spiel mit einem weiteren kombiniert wird. Eine Runde wird das Gemeinwohlspiel gespielt, in einer weiteren Runde wird ein Spieler gefragt, ob er einem anderen, der zum Gemeinwohl beigetragen hat oder nicht, zwei Euro geben würde. Die zwei Euro bekommen fast nur diejenigen, die zum Gemeinwohl beigetragen und dadurch eine gute Reputation erworben haben. Es steht also der gute Ruf auf dem Spiel, wenn man nicht zum Gemeinwohl beiträgt. Das Ergebnis: Unter diesen Bedingungen kooperierten die Gruppen und schützten so das gemeinsame Gut.

Warum ist die Reputation für die Bundesregierung dann nicht Argument genug, zusammenzuarbeiten? Milinski denkt, dass es tatsächlich um die Reputation der Minister geht – aber ihre höchst persönliche. Da zwei von drei Koalitionspartnern – FDP und CSU – mit Steuersenkungsversprechen in den Wahlkampf gezogen „und dafür ja auch gewählt worden sind“, wie Milinski anmerkt, gehe es für sie nun darum, das Gesicht vor den Wählern zu wahren. Angesichts der Haushalts- und Wirtschaftslage sei wohl allen Kabinettsmitgliedern klar, dass eine Steuerreform auf Pump eigentlich nicht möglich ist. Doch die Alternative, „vor die Wähler zu treten und zu sagen, ich habe mich geirrt, wir müssen das anders machen“, sei riskant. Zwar könne auch das zu einer Verbesserung des eigenen Rufes führen, „wenn das gut und überzeugend begründet ist“. Nur gibt es kaum erfolgreiche Beispiele für eine solche Politikerstrategie. Milinski meint, dass die Politiker trotz objektiver Gegenargumente versuchten, ihre Wahlversprechen umzusetzen. Und das sei ja auch „eine verständliche Erwartung der Wähler“.

Der Kooperationsforscher sieht bei den Problemen des Kabinetts mit seinem Erscheinungsbild Parallelen zu den Verhandlungen über einen neuen Weltklimavertrag, die in Kopenhagen gerade gescheitert sind. Gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Meteorologie hat Milinski Verhaltensexperimente zum Klimaerhalt gemacht. 30 Teams mit jeweils sechs Studenten haben ein entsprechendes Gemeinwohlspiel versucht. Sie sollten Geld von einem persönlichen Konto mit 40 Euro Guthaben für den Klimaschutz spenden. Das gemeinsame Klimaschutzziel war erreicht, wenn die Gruppe gemeinsam 120 Euro zusammenbrachte. Gelang das, bekam jeder Mitspieler das Restgeld seines Kontos ausgezahlt. Wurde das Spendenziel verfehlt, gingen sie leer aus.

Die Gruppen simulierten dabei drei Szenarien: eine Verlustwahrscheinlichkeit von 90, 50 und zehn Prozent, dass das Restgeld verloren geht. Selbst bei einer 90-prozentigen Verlustwahrscheinlichkeit gelang es der Hälfte der Gruppen nicht, die geforderten 120 Euro zu erzielen. Sie verloren ihr Geld und hätten doch leicht jeder 20 Euro behalten können. Milinski sagt: „Alles was wir testen, erweist sich als nicht wirkungsvoll genug.“ Nie sei es verlässlich gelungen, eine Gruppe zu so viel Kooperation zu bewegen, die zur Lösung des Problems nötig wäre. „Wenn das so bleibt, ist das die traurigste Forschung, die ich je gemacht habe“, sagt Milinski.

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