Politik : Schwarze Flut gegen Schröder

Die Union will Rot-Grün um „jeden demokratischen Preis“ ablösen – und mancher redet schon von der großen Koalition

Robert Birnbaum

Der Main ist ein friedlicher Fluss, aber manchmal führt auch er Hochwasser. Michael Glos stammt vom Main, darum weiß der CSU-Landesgruppenchef: Wenn die Flut an die Deichkrone steigt, kann ein kleines Steinchen den Strom zum Überlaufen bringen. Die Wogen der Erregung schlagen sehr hoch in Berlin. Die Opposition sieht Deutschland fast Land unter. Also hat Glos versuchsweise ein Steinchen geworfen.

„Ich finde, die müssen weg – egal wie“, sagt der CSU-Mann über Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer. Und setzt nach: „Um jeden demokratischen Preis.“ Um jeden Preis – also auch um Preise, die zu zahlen die Union und speziell die CSU bisher strikt ausgeschlossen hat: von der großen bis zur schwarz-grünen Koalition? Auf solch konkrete Modelle angesprochen, versichert Glos, für derlei reiche seine Phantasie „gegenwärtig“ noch nicht. Aber – bedeutungsschwangerer Nachsatz – vor vier Wochen habe sich die Union auch noch nicht träumen lassen, welche außenpolitische Katastrophe, welches innenpolitische Chaos der Kanzler anrichten würde.

„Die SPD muss sich selbst von Schröder befreien“, grollt der CSU-Mann und streut gleich noch die Vermutung, dass es bestimmt in Hinterzimmern schon Gespräche zwischen „Vernünftigen“ in der SPD gebe. Nun wird dieser Tage zwar in der Tat viel gemunkelt. Aber selbst geübten Verschwörungstheoretikern fällt kein plausibles Szenario für den Kanzlersturz ein. Personell ist in der SPD zu Schröder keine Alternative in Sicht. Ein schwarz-grünes Bündnis gilt als unmöglich. Es hätte nur zwei Stimmen Mehrheit – der Gedanke, vom Wohlwollen Hans-Christian Ströbeles oder Jürgen Trittins abhängig zu sein, verursacht bei Unionsstrategen Schüttelfrost. An einen Dreibund mit der FDP denkt keiner.

Bleibt die Große Koalition. Natürlich wusste Glos, dass CDU-Chefin Angela Merkel etwa zeitgleich auf Einladung Schröders im Kanzleramt war. Aber erstens sind solche Treffen nicht so ungewöhnlich, wie sie in aufgeregten Zeiten scheinen. Zweitens drehte sich das halbstündige Gespräch, wie beide Seiten versichern, nur um bekannte Positionen zu Reformen. Drittens ist Merkels Versicherung, um eine große Koalition sei es nun wirklich nicht gegangen, durchaus glaubhaft, weil die Union in Schröder ja genau das Problem sieht und nicht den Partner für eine Lösung. Der Kanzler entwickle sich „zu einer Gefahr für die Bundesrepublik Deutschland und das gesamte historische Erbe“, wettert auch die CDU-Chefin.

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