Politik : Schwarzer Peter nach Paris

Washington und London geben Frankreich Schuld an Krise in UN

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Der Sündenbock des Tages ist klein, grauhaarig und trägt eine große Brille mit hellem Hornrand. Frankreichs UN-Botschafter Jean-Marc de La Sabliere kämpft sich nur mit Mühe an einer Radioreporterin vorbei wortlos in den Sitzungssaal, in dem der Weltsicherheitsrat Stellung beziehen soll in einer Phase, für die der US-amerikanische Präsident George W. Bush die Losung "Moment der Wahrheit" ausgegeben hat. Kurz nach ihm erreicht die Koalition der Kriegswilligen den schmalen Korridor vor Saal sieben, tief im Bauch des UN-Hauptsitzes. Die Botschafter der USA, Großbritanniens und Spaniens nutzen ein gemeinsames Statement vor den sich übereinander stapelnden Kameras, um die Nachricht des Tages zu verkünden: Es wird keine Abstimmung über ihr Papier geben, das die Mehrheit im Sicherheitsrat als Kriegsresolution gegen den Irak begreift.

Und schuld an dem tiefen Graben, der den Sicherheitsrat durchzieht, so die Drei weiter, sei eine widerspenstige Nation, die ein Veto unter allen Umständen angekündigt hat. Die Diplomaten nehmen den Namen dieses Landes nicht in den Mund – alle wissen sowieso, wen sie meinen: Frankreich. Kaum zieht die Troika ab, saust de La Sabliere wieder herbei für eine Widerrede: „Sie wollen keine Abstimmung, weil jeder weiß, dass wir die Mehrheit haben. Ich würde sogar sagen, die Mehrheit der Menschen will keinen Krieg autorisieren." Doch seine Worte verhallen beinahe ungehört, weil hinter ihm die gesamte Entourage des Rates umzieht in einen größeren Saal – verfolgt auf Schritt und Tritt von den Nachrichten-Jägern.

Das Argumentationsmuster wiederholt sich noch im Versammlungssaal und danach beim Abgang vor der Presse. Nach zwei Stunden verlässt UN-Generalsekretär Kofi Annan als Erster die Sitzung und verkündet den Abzug der UN-Mitarbeiter aus dem Irak. Die Würfel sind gefallen. Trotzdem spricht Deutschlands UN-Botschafter Gunter Pleuger noch von einem Kompromiss, der gefunden werden könne zwischen den Forderungen der Kriegswilligen und der Bitte der Waffeninspektoren um mehr Zeit. „Das ist Alice im Wunderland", ruft ein Reporter dazwischen. Ein anderer fragt: „Träumen Sie?"

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