Schweden : Atomaufsicht stellt Meiler unter Aufsicht

Vattenfall steht weiter wegen Pannen in der Kritik. Die schwedische Strahlenschutzbehörde hat das Atomkraftwerk Ringhals unter eine zweijährige Sonderaufsicht gestellt.

Dagmar Dehmer

Berlin - Vor wenigen Tagen war die Welt für Lars Göran Josefsson, den Chef des schwedischen Vattenfall-Konzerns, noch in Ordnung. Mitte Juni ließ er mitteilen, dass er eine Einladung von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in eine Expertengruppe Energie- und Klimapolitik „gerne annehme“. Unter dem Vorsitz von Kandeh K. Yumkella, der dem UN-Programm für industrielle Entwicklung (Unido) in Wien vorsteht, sollen sich hochrangige Vertreter von Konzernen wie Tata (Indien), Suntech Holdings (China), Edison International (USA) oder Eskom (Südafrika) Gedanken über eine kohlenstofffreie Zukunft machen. Josefsson gilt in Wien als „möglicher“ Teilnehmer“, teilte ein Unido-Sprecher dem Tagesspiegel mit. Doch seit diesem Wochenende muss sich Josefsson mit einem Thema herumschlagen, das seinen Konzern schon mehrfach unfreiwillig in die Schlagzeilen gebracht hat: die Sicherheit der deutschen und schwedischen Atomkraftwerke.

Am Mittwoch stellte die schwedische Strahlenschutzbehörde das Atomkraftwerk Ringhals unter eine zweijährige Sonderaufsicht. Der Grund: Im größten schwedischen Reaktorkomplex, wo vier Fünftel des gesamten Stroms für das Land produziert werden, ist es nach Angaben der schwedischen Atomaufsicht seit Anfang des Jahres zu 60 meldepflichtigen Zwischenfällen gekommen. Die meisten waren nicht weiter beunruhigend. Doch zwei Ereignisse stufen die schwedischen Atomaufseher als so schwerwiegend ein, dass sie sie in die höchste Stufe drei der internen schwedischen Gefahrenskala eingeordnet haben. Es seien „Schwächen in Bezug auf Führung, Kontrolle, die Zurückverfolgung interner Entscheidungen und das Befolgen von Routinen und Instruktionen festgestellt worden“. Die Behörde kritisierte, dass „der Sicherheit in Teilen der Organisation nicht die notwendige Aufmerksamkeit“ geschenkt werde. Schon vor drei Jahren war Vattenfall im Zusammenhang mit einem damals diagnostizierten „Verfall der Sicherheitskultur“ im Atomkraftwerk Forsmark in Schweden stark in die Kritik geraten.

Auch in Deutschland geht die Diskussion über die Zuverlässigkeit von Vattenfall als Betreiber von Atomkraftwerken weiter. Ivo Banek, Sprecher des Konzerns, sagte im Deutschlandfunk, er könne „gut verstehen, dass der Ministerpräsident (Schleswig-Holsteins) und auch andere wütend sind“. Allerdings sei bei der Reaktorschnellabschaltung am Samstag infolge eines Ausfalls eines Transformators „technisch eigentlich wenig passiert“, meinte Banek. Die Sicherheitssysteme hätten bei der Schnellabschaltung „alle einwandfrei funktioniert“. Das Unternehmen habe aber nicht die Möglichkeit, „in jede Unterlegscheibe die ganze Zeit über reinzugucken“. Zudem kritisierte Banek, dass „ein technisch eigentlich nicht sehr bedeutendes Ereignis in einem Kernkraftwerk zu einer Beinahekatastrophe hochstilisiert“ werde.

Der Vorstandschef von RWE, Jürgen Großmann, sagte der „Bild“-Zeitung: „Die Kernkraftwerke in Deutschland arbeiten alle auf höchstem internationalem Niveau. Auch ältere Kernkraftwerke in unserem Land sind auf Top-Niveau.“ Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, sagte: „Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten aussteigen.“

Dabei hat die Bundesregierung in der Antwort auf zwei Kleine Anfragen der Grünen in den Jahren 2006 und 2007 bereits zugegeben, dass die deutschen Meiler „nicht zu den weltweit hochmodernsten und sichersten Atomkraftwerken gehören“. Sie entsprächen „nicht dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik“. Daraus haben jedoch weder die Landes-Atomaufsichten noch die Bundesaufsicht bisher Konsequenzen gezogen.

Die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast, forderte am Mittwoch in Berlin, Vattenfall die Betriebsgenehmigung für das Atomkraftwerk Krümmel wegen Unzuverlässigkeit zu entziehen. Wer nach zahlreichen Störfällen vergesse, Sicherheitstechnik einzubauen, sei einfach nicht zur Anwendung einer solchen Risikotechnik geeignet, findet Künast. Darin ist sie sich mit Greenpeace einig. Aktivisten der Umweltorganisation haben am Mittwoch die Eingangstore des Kraftwerks zugeschweißt und Schilder mit dem Text „wegen Unzuverlässigkeit geschlossen“ angebracht. mit dpa

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