Politik : Schweden schaltet den ersten Atommeiler ab - elf fehlen noch

Helmuth Steuer

Schweden nimmt am heutigen Dienstag seinen ersten Atomreaktor vom Netz. Der Oberste Gerichtshof entschied am Montag erwartungsgemäß, dass die von der sozialdemokratischen Regierung in Stockholm verfügte Schließung des Reaktors im südschwedischen Barsebäck zum 1. Dezember dieses Jahres vollzogen werden kann. Damit wird Schweden den ersten seiner insgesamt 12 Atomreaktoren schließen. Die Richter wollen aber noch prüfen, ob man ein zweites Verfahren, dass die Barsebäck-Betreibergesellschaft Sydkraft bei der Europäischen Kommission angestrengt hat, abwarten müsse, bis die Schließung rechtskräftig ist. Das komplizierte Urteil bedeutet, dass der erste Barsebäck-Reaktor heute vom Netz genommen, theoretisch jedoch in ein paar Wochen wieder angefahren werden kann, sollten die Richter zu der Auffassung gelangen, dass der Ausgang des Verfahrens in Brüssel abgewartet werden müsse.

Das Beispiel des schwedischen Atomausstiegs zeigt deutlich, wie kompliziert die Abkehr von der Kernenergie sein kann. Als sich am 23. März 1980 eine knappe Mehrheit der Schweden für die Abkehr von der Kernenergie entschied, herrschte noch große technologische Zuversicht. Den mit dem Atomausstieg verbundenen Wegfall von rund 50 Prozent aller in Schweden produzierten Elektrizität könne man leicht bis 2010 durch erneuerbare Energieträger ersetzen, wurde gepredigt. "In den neunziger Jahren", so Ex-Energieminister Molin, "wird sich unsere gesamte Technologie auf neue Energieträger konzentriert haben." Heute ist man klüger.

Das, was nach einem simplen Techniktransfer aussah, entwickelte sich zu einer Endlosstory, deren letztes Kapitel auch mit der Abschaltung des ersten Atomreaktors noch lange nicht geschrieben ist. In Schweden liefen damals wie heute 12 Atomreaktoren in vier Kernkraftwerken, die 50 Prozent des schwedischen Stroms produzierten. Die andere Hälfte stammt aus Wasserkraft.

Hatten sich die Bürger in dem Referendum, ein Jahr nach dem Atomunfall in Harrisburg, nur grundsätzlich für den Atomausstieg entschieden, lieferte das schwedische Parlament kurz darauf mit dem Jahr 2010 auch ein Ausstiegsdatum. Erst nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 kam Bewegung in die Diskussion. Das Parlament beschloss 1988 sogar die Abschaltung von zwei Reaktoren 1995 und 1996, eine Entscheidung, die kurz darauf zurückgenommen wurde. Erst 1997 einigten sich die Sozialdemokraten mit der Zentrumspartei und den Exkommunisten auf ein neues energiepolitisches Konzept. Danach sollte der erste Atomreaktor in Barsebäck zum 1. Juli 1998 abgeschaltet werden. Der zweite Barsebäck-Reaktor sollte ein paar Jahre später folgen, hieß es. Schon damals entging den Atomgegnern nicht, dass das Enddatum 2010 nicht mehr erwähnt wurde.

Deshalb bezeichneten viele den Beschluss auch als einen "Ausstieg aus dem Ausstieg", obwohl offiziell ein Reaktor tatsächlich stillgelegt werden sollte. Die private Betreibergesellschaft von Barsebäck, die Sydkraft AB, legte gegen die Schließung mit Erfolg Protest ein. Ein Gericht entschied, dass Sydkraft mit der deutschen PreussenElektra als größtem einzelnen Aktionär den Reaktor so lange weiter betreiben darf, bis die Juristen den Regierungsbeschluss überprüft haben. Im Mai entschieden die Richter des Obersten Verwaltungsgerichts, dass die geplante Schließung von Barsebäck rechtens sei.

Auch wenn Schweden - der viertgrößte Atomstrom-Produzent der Welt - nun den ersten seiner 12 Reaktoren schließt, ist damit das Ende des schwedischen Atomzeitalters noch lange nicht in Sicht. Denn erst vor zwei Wochen stieg die staatliche Vattenfall mit 25,1 Prozent bei der Hamburger HEW ein und hat zudem eine Kaufoption auf weitere 25,1 Prozent. Die HEW ist an vier Atomkraftwerken beteiligt, deren Produktion die 615 MW von Barsebäck übertrifft.

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