Politik : Schweden

Schwedenflagge250.gif

Jonna Sädesuo,
Generation 25



Ich glaube, meine Zukunft in Europa sieht sehr gut aus. Die Länder in Europa arbeiten immer mehr zusammen, und es wird viel dafür getan, fast so etwas wie ein neues großes Land zu erschaffen.
Was die Sicherheit angeht, so gibt es in Schweden, Skandinavien und Europa keine inneren Konflikte, die Sicherheitsprobleme oder einen Krieg verursachen könnten - von dieser Warte aus sieht die Zukunft also gut aus. Wenn es nach den Medien ginge, wäre die nächste Bedrohung für Europa der Iran. Aber wenn wir von Atombomben sprechen, so ist Europa von gar keinem Land weit entfernt, das Nuklearwaffen hat. Ich vertraue jedoch auf unsere Politiker und internationalen Organisationen und auf ihr diplomatisches Geschick, Konflikte zu lösen und den Frieden zu bewahren.

Für mich - als junger Mensch - sind Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten noch die wichtigsten Fragen. Dank der Europäischen Union werden die Grenzen innerhalb Europas immer offener. Die Arbeit der Europäischen Gemeinschaft zur Harmonisierung von Bildungssystemen, Gesetzen und Währungen eröffnet mir als Studentin vielfältige Möglichkeiten. Die Zukunft in Europa bietet mir als Skandinavierin also große Chancen. Ich brauche sie nur noch zu ergreifen und Europa meine Qualifikationen anzubieten.

Die Autorin, Jahrgang 1980, studiert seit 2001 Wirtschaft und Sprachen in Frankreich. Aus dem Englischen von Karin Ayche.


Jelena Selin,
Generation 50

Der schwedische Blick auf Europa ist der einer kleinen, reichen, atlantischen Nation – misstrauisch, belehrend und überlegen. Manchmal zu Recht, meistens nicht. Da ich schon viele Jahre in Deutschland lebe, habe ich mir wohl den kontinentalen Blick angeeignet und erhoffe mir von einer Verfassung politische Fortschritte für uns EU-Ausländer, vor allem volle Wahlberechtigung in dem Land, in dem wir leben. Ich sehe allerdings eine Gefahr in Standardisierung und Harmonisierung, denn es sind die Differenzen, die Europas Stärke ausmachen. Und seinen Charme. Ohne EU-Verfassung ließe es sich leben. Ohne die Vielfalt Europas nicht. Die war es, die mich vor Jahren daran hinderte, nach Nordamerika auszuwandern. Das, und die Tatsache, dass ich gerne zu Fuß gehe. Ich kann ohne die europäische Stadt, ohne die zig Sprachführer für Polnisch, Italienisch, Ukrainisch, Französisch, Spanisch, die auf meinen Reisen zum Einsatz kommen, wirklich kein sinnvolles Leben führen. Und wenn man bedenkt, dass Käse, dieses unverzichtbare Geschenk fleißiger europäischer Mönche und Nonnen, außerhalb von Europa ein eher vernachlässigtes Lebensmittel ist, fragt man sich, ob die EU-Fahne nicht ein Stück Blauschimmelkäse in der Mitte haben sollte.

Die Autorin, Jahrgang 1967, ist freiberufliche Journalistin und Essayistin. Seit 1994 wohnt sie in Berlin, wo sie an der Freien Universität und der Humboldt Universität Germanistik studierte. Sie betreibt den literarischen Salon „Salongen“ im Internet.





Gunnel Haglund,
Generation 75



Als ich Kind war - vor etwa fünfundsechzig Jahren - konnte ich in kristallklarem Meerwasser schwimmen. Ich konnte frische Luft atmen und reines Wasser trinken. Wörter wie Treibhauseffekt, Drogen oder Frauenhandel hatte ich nie gehört. Dagegen waren mir Wörter wie Schutzraum, Verdunkelung, Schützengraben und Konzentrationslager geläufig. Als junger Mensch hatte ich keine Möglichkeit, außerhalb von Schweden zu studieren oder zu arbeiten.

Ich will, dass meine Enkel in einer Ostsee schwimmen können, die nicht tot ist. Sie sollen mit gesunden Lungen atmen können. Sie sollen keine schrecklichen Naturkatastrophen erleben. Sie sollen frei heranwachsen und nicht durch Drogen deformiert werden. Niemals sollen sie ein Gewehr tragen oder voller Angst in einem Schutzraum sitzen müssen! Sie sollen auch nicht auf Arbeit und Studium in Schweden eingeschränkt sein, sondern sich frei zwischen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen bewegen können. Ich verbinde mit der EU die Hoffnung, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen.

Die Autorin, Jahrgang 1937, ist Lehrerin. Aus dem Schwedischen von Dr. Sigrid Engeler.

Stefan Jonsson

Im Jahre 1900 reist ein afrikanischer Amerikaner durch Europa. Der Autor W. E. B. DuBois setzt die europäischen Hauptstädte zu etwas zusammen, das er "the spirit of Europe" nennt. Als er wieder nach Hause in die Vereinigten Staaten kommt, fordert er, alle sollten dem europäischen Geist nacheifern: "Das heutige Europa vertritt fünf Leitgedanken: langfristige Organisation (Rom), Autorität der Staatsgewalt (Berlin) zwischenmenschliche Gerechtigkeit (London), Freiheit des Individuums (Paris) und systematisches Wissen (Wien)". Aus fünf nationalen Eigenheiten kombinierte DuBois eine gewaltige Utopie. Aber sein europäischer Geist war ein Luftschloss. Rom, Berlin, London, Paris und Wien? Das waren fünf Häupter, und jedes auf seinem grausamen Imperium.

Ähnelt die Lage der heutigen EU? Eine Anzahl von Ländern sucht einen gemeinsamen Geist. Sie spüren, dass ihnen die Einheit fehlt, nach der sie suchen, aber aus diesem Mangel erwächst die Fantasie von einer gemeinsamen Kultur nur umso stärker.
Europa Universalis? Europa Imperialis? Nein. Gerne eine europäische Union, aber zuerst eine bodendeckende europäischen Solidarität, die wie Erdbeerranken und Stiefmütterchen Ableger austreibt und sich über die Grenzen hin ausbreitet. Jedes Land soll ein dichter Teppich aus Blüten und Beeren überziehen, von denen die Mitbürger frei abpflücken dürfen, ohne dass sie ihre Fingerabdrücke bei der Polizei registrieren lassen müssen.

Ich empfehle eine neue Europareise. Sie beginnt im nordafrikanischen Ceuta und Melilla, führt über Alexandria in die Türkei und geht weiter bis nach Spitzbergen und Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, um in Guadeloupe, Martinique und Französisch Guayana zu enden. An allen diesen Orten wird der europäische Geist mit allen seinen Brüchen und Mängeln sichtbar, und zwar deutlicher als in Brüssel. Wenn die EU etwas werden soll, dann muss die Arbeit dort beginnen. Die europäische Bewegung wird von den Peripherien angetrieben und marschiert auf die Hauptstädte zu.

Der Autor, Jahrgang 1961, ist Journalist. Aus dem Schwedischen von Dr. Sigrid Engeler.



Margot Wallström

Die bisherigen Erfahrungen einiger europäischer Nationen und ihre Beziehungen untereinander waren teilweise sehr schmerzlich. Und doch haben sich die EU-Mitgliedstaaten unwiderruflich von Konflikt zu Kompromiss, von Konfrontation zu Kooperation und vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch bewegt.

Ich möchte, dass die Europäer in 50 Jahren auf dieses Jahrzehnt als den Beginn einer neuen Ära für Europa und die Welt zurückschauen können.

Ich möchte, dass die Menschen dann sagen: "In jenen Jahren fingen wir an, das Konzept des intelligenten Wachstums in die Praxis umzusetzen." - "Damals beschlossen wir, die energieeffizienteste Region der Welt zu werden." - "Da war das Jahrzehnt, in dem wir ernsthaft anfingen, mit unseren Gesellschaftssystemen eine nachhaltige Entwicklung zu verfolgen und wirtschaftliches Wachstum mit sozialer Verantwortung und Umweltschutz zu kombinieren." Das ist meine Vision für die Zukunft Europas.

Die Autorin, Jahrgang 1954, ist Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Aus dem Englischen von Karin Ayche.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben