Schweinegrippe : "Jede Nebenwirkung mitteilen"

EU-Gesundheitskommissarin Vassiliou über die Schweinegrippe und Impftests.

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Androulla Vassiliou -Foto: dpa

Welchen Verlauf nimmt die Schweinegrippe gegenwärtig in der EU?



In den letzten Tagen war eine Zunahme der Fälle in den nordischen Ländern und in Großbritannien zu beobachten. Dies könnte auf eine zweite Welle der Grippe hindeuten, die auch mit der Änderung des saisonalen Wetters erwartet worden war. Die gute Nachricht ist, dass die Grippe auch weiterhin insgesamt eher mild verläuft, auch wenn in der EU bis jetzt über 150 Todesfälle zu beklagen waren.

Halten Sie die Prognose, wonach rund ein Drittel der EU-Bevölkerung von der Schweinegrippe betroffen sein könnte, weiterhin für haltbar?

Das ist durchaus möglich. Schließlich weisen nicht nur Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO darauf hin, dass genaue Voraussagen über die weitere Entwicklung des Grippevirus A/H1N1 nicht möglich sind.

Gibt es denn Hinweise für die befürchtete Vermengung des A/H1N1-Virus mit dem saisonalen Grippevirus?

Nein, aber diese Möglichkeit lässt sich nicht ausschließen.

Waren die weltweiten Vorsichtsmaßnahmen angesichts des überwiegend milden Verlaufs der Grippe nicht übertrieben?

Nein. Es ist besser, auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein, als sich hinterher den Vorwurf anhören zu müssen, nicht genug getan zu haben.

Kritiker haben eingewandt, dass wegen der eiligen Entwicklung der Impfstoffe deren mögliche Nebenwirkungen nicht genügend getestet worden seien.

Ich gehe fest davon aus, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMEA) dem Impfstoff nur dann grünes Licht geben wird, wenn sie von dessen Sicherheit und Wirksamkeit überzeugt ist. Und nur auf der Grundlage einer Einschätzung der EMEA, die wir demnächst erwarten, wird die EU-Kommission die Erlaubnis für die Vermarktung des Impfstoffs in der EU erteilen.

Wie weit sind die Tests bei den Impfstoffen fortgeschritten?

Nachdem die Versuche mit Testpersonen aus der breiteren Bevölkerung abgeschlossen sind, konzentrieren sich die Tests jetzt auf die Risikogruppen der Kinder und Schwangeren. Die EMEA und die EU-Kommission pochen darauf, dass die Ergebnisse dieser Tests genau registriert werden. Jede einzelne Nebenwirkung – egal ob sie positiv oder negativ ist – muss den zuständigen Behörden mitgeteilt werden, so dass die Europäische Arzneimittelagentur jederzeit in der Lage ist, ihre ursprüngliche Bewertung des Impfstoffs im Licht neuer Informationen möglicherweise noch abzuändern. In diesen Fällen gelten noch striktere Regeln bei der Überwachung als bei der üblichen Marktzulassung, weil das Wissen über mögliche Nebenwirkungen bei Schwangeren und Kindern noch relativ gering ist. Aber ich nehme an, dass die EMEA erklären wird, dass wir die Vorteile und die Risiken des Impfstoffs abwägen müssen. Und oftmals überwiegen die Vorteile.

Die Fragen stellte Albrecht Meier

Androulla Vassiliou ist seit März 2008 EU-Gesundheitskommissarin. Die Zypriotin war von 2001 bis 2006 Vizepräsidentin der Europäischen Liberalen.

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