Schweinegrippe : Wallfahrt ins Risiko

Die Reise gen Mekka ist eines der größten religiösen Ereignisse – in diesem Jahr gebremst durch Angst vor Schweinegrippe und Terror.

Martin Gehlen[Riad]
311570_3_xio-fcmsimage-20091124170651-006003-4b0c049b343d0.heprodimagesfotos824200911253pl2-hadsch_eglau2-2.jpg
Zufahrt verboten. Wie Mekka ist auch Medina für Nichtmuslime gesperrt.Foto: Katharina Eglau

Auf den ersten Blick scheint alles wie gewohnt. Fröhlich schwatzend und voller Vorfreude ziehen Gruppen in Dschidda durch die Altstadt und die Einkaufsmeilen – aus Malaysia und Pakistan, Indonesien und Nigeria. Nur wenige Pilger tragen weiße Atemmasken zum Schutz vor der Schweinegrippe, die meisten wollen die teure Pilgerreise nach Mekka nutzen, um noch etwas zu sehen von dem Land, in dem einst ihr Prophet Mohammed lebte.

In der Hauptstadt Riad schaut derweil Rihab Massoud jeden Nachmittag prüfend auf sein Handy. Er ist der Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates von Saudi-Arabien und bekommt regelmäßig per SMS die neuesten Einreisezahlen geschickt. Seit zwei Wochen landen die Sondermaschinen aus allen Winkeln der Erde, am Mittwoch beginnt offiziell das fünftägige Hadsch-Ritual. Und zum ersten Mal sind die speziellen Pilgerterminals der Flughäfen Dschidda und Medina mit Dutzenden Infrarotkameras ausgerüstet, um jeden Einreisenden mit Fieber sofort zu identifizieren. 70 Hadschis kamen bisher krank ins Land, vier starben – viel weniger als befürchtet. Die Todesopfer hätten alle unter schweren Vorerkrankungen gelitten, die übrigen seien auf dem Wege der Besserung, erklärte Gesundheitsminister Abdullah al Rabeeah.

Dennoch wird in diesem Jahr an den heiligen Stätten des Islam weniger Gedränge herrschen als früher. Viele Muslime haben ihre Wallfahrt aus Angst vor der Schweinegrippe auf das nächste Jahr verschoben. So meldete die saudische Zeitung „Arab News“, die heimischen Hadsch-Veranstalter hätten 70 Prozent weniger Kunden aus dem Inland als 2008. Die Verluste der Branche beliefen sich auf „hunderte Millionen Rial“. Umgerechnet zwischen 1000 und 5000 Euro muss ein durchschnittlicher Pilger berappen, ein Fünf-Sterne-Hadsch im Luxushotel allerdings kommt wesentlich teurer. Hatten sich in den vergangenen Jahren jeweils 2,5 bis drei Millionen Gläubige auf den Weg gemacht, erwarten die Behörden diesmal nur knapp 1,8 Millionen.

Trotzdem bleibt es für Sicherheitschef Rihab Massoud eine „monumentale Aufgabe“, den reibungslosen Ablauf der Megawallfahrt zu garantieren. Denn nicht nur die Angst vor der Schweinegrippe, auch die vor einem Angriff von Al Qaida, einer tödlichen Massenpanik oder politischen Demonstrationen iranischer Pilger beschäftigt nach Massouds Worten den saudischen Sicherheitsapparat. Der jüngste Selbstmordanschlag von Al Qaida durch einen aus dem Jemen eingesickerten Täter liegt erst drei Monate zurück. Auch steckt der Führung in Riad bis heute der Schock von 1979 in den Knochen. Vor fast genau 30 Jahren, am 20. November 1979, besetzten 400 radikale Muslime die große Moschee in Mekka, erschossen wahllos Pilger und konnten erst nach 14-tägigen blutigen Kämpfen überwältigt werden.

So kommen zu den 17 000 Ärzten und Krankenpflegern in diesem Jahr zusätzlich mehr als 100000 Polizisten und Soldaten. Denn das Treffen an den heiligsten Stätten des Islam gehört zu den größten religiösen Ereignissen der Welt. Zunächst umrunden die Muslime sieben Mal den schwarzen Stein der Kaaba in der Großen Moschee. Tags darauf folgt das Gebet auf dem Arafat-Berg, 15 Kilometer östlich von Mekka – der Höhepunkt des Hadsch. Dort soll der Prophet Mohammed im siebten Jahrhundert seine letzte Predigt gehalten haben. Bis zum Sonnenuntergang bitten die Gläubigen hier Gott um Vergebung – für viele Pilger der emotionalste Teil der Wallfahrt. Der Hadsch ist neben täglichen Gebeten, Almosen, dem Glaubensbekenntnis und dem Fasten im Ramadan eine der fünf Säulen des Islam.

0 Kommentare

Neuester Kommentar