Schweiz : Immer Ärger mit den Nachbarn

Kaum war Ruhe, geht er von vorne los: der Streit ums Geld, das Deutsche vor ihrem Fiskus in der Schweiz verstecken. Dabei wird gedroht, beleidigt, geschmäht. Das freut vor allem die Rechtspopulisten, die nach den Minaretten nun am liebsten die Deutschen verbieten wollen.

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Die Schweizer Fahne weht auf der Mittleren Brücke in Basel. -Foto: dpa

Letztens war es wieder besonders schlimm. Christoph Mörgeli stand im Zug vor einer besetzten Toilette. Hinter ihm kam ein Deutscher, klopfte an die Tür und sagte: „Es wollen noch andere rein!“ Unverschämt sei das, sagt Mörgeli, typisch deutsch. Er hätte dem Mann gerne seine Meinung gesagt. Doch als er selbst aus der Toilette kam, war der Deutsche schon weg.

Christoph Mörgeli ist Schweizer Politiker, aber am liebsten redet er über die Deutschen. Da wären einmal die 250 000 Deutschen, die in der Schweiz leben. Über die sagt Mörgeli, dass sie den Schweizern die Jobs wegnehmen, die Wohnungen und die Sitzplätze in der Straßenbahn. Und dann gibt es noch die 80 Millionen Deutschen, die in Deutschland leben. Das sind für Mörgeli die, die der Schweiz alles wegnehmen wollen, das Bankgeheimnis etwa. Jetzt wieder, da die Bundeskanzlerin beschlossen hat, eine CD mit Daten von Steuersündern anzukaufen, die ihr Geld in der Schweiz geparkt haben. Der Politiker Mörgeli hat viel zu reden in diesen Tagen.

Es ist ein kalter Januarnachmittag in Zürich. Schneegestöber über dem See, die Straßenbahn steckt im Verkehr. Die Leute, die einen Sitzplatz haben, halten die Gratiszeitung in Händen. Auf dem Titelblatt ist Angela Merkel. Darüber die Schlagzeile: „Die Walze rollt.“ Die Stimmung ist schlecht in der Schweiz, dem Land, in dem Steuerhinterziehung nur eine Ordnungswidrigkeit ist. Die deutsche Regierung wird wahlweise mit Dieben, Hehlern oder Raubrittern verglichen. „Was wir jetzt sehen, ist eine moderne Form von Banküberfall“, sagte Pirmin Bischof, Nationalrat der Christdemokraten.

Harte Bandagen auch auf deutscher Seite. Da heißt es, Steuerhinterziehung sei die „Staatsräson“ der Schweiz, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb. Aus deutscher Sicht ist die Schweiz der Rotzlöffel Europas, der überall nur mitspielen, aber nirgends dazugehören will, ob im europäischen Wirtschaftsraum oder in der EU. Die Schweiz sieht sich wiederum als kleiner Bruder, dem der große ständig aufs Dach steigt. Und dabei Dinge sagt wie der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück, der von Peitsche sprach und von der Kavallerie. Oder Franz Müntefering, der vor einem Jahr fand, dass man in Steueroasen früher Soldaten geschickt hätte. Länder sind manchmal wie Familien. Man weiß genau, wo man ansetzen muss, um den andern zur Weißglut zu treiben.

Dabei schien bis vor kurzem alles noch harmonisch wie bei einem Familientreffen. Guido Westerwelle war in Bern, er stellte sich als Außenminister vor, sprach mit dem Schweizer Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz, der gleichzeitig Finanzminister ist. Es wurde gescherzt und gelacht, Westerwelle sagte, dass Deutschland und die Schweiz „mehr als Nachbarn“ seien, nämlich „eine historisch gewachsene Freundschaft“. Dass es um Respekt gehe und um einen anständigen Ton. Das war im November. Dann kam die Daten-CD, und das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz ist gereizt wie am zweiten Weihnachtsfeiertag, kurz bevor sich in der Familie alle anschreien.

Einem kann das nur recht sein. Christoph Mörgeli, 49, Jeans und Pullover, ist einer der wichtigsten Männer in der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die der Rechtspolitiker Christoph Blocher groß gemacht hat. In der Schweiz nennt man ihn Blochers Propagandachef, er selbst bezeichnet sich bescheiden als „Programmchef“. Er hat gegen „Linke und Nette“ mobil gemacht, gegen Leute, die sich krank schreiben lassen, und gegen Minarette. Jetzt sind die Deutschen dran. Mörgeli grinst, seine Zähne blitzen. Er hat dunkles Haar und ein glattes Jungengesicht, schon optisch ist er das Gegenteil von Blocher, der immer wirkt, als käme er aus einem Bergfilm der 50er Jahre.

Mörgeli scherzt gerne. Das Studio Leutschenbach des Schweizer Fernsehens nennt er nur „Studio Deutschenbach“, wegen der vielen deutschen Mitarbeiter. Oder er sagt Sätze wie: „Wenn man hier Steuern bezahlt und Militärdienst geleistet hat, dann staunt man schon, wenn der Chef plötzlich Schulze heißt.“ Jörg Haider fällt einem ein mit den flotten Sprüchen seiner Anfangszeit. Überhaupt erinnert der Schweizer Rechtspopulismus oft an Haiders Frühzeit in den 90er Jahren. Wir da unten gegen die da oben. Die Kleinen gegen die Großen. Und schuld sind immer die Ausländer. Nur dass für einen wie Mörgeli die Ausländer nicht von irgendwo herkommen. Sondern aus Deutschland.

Ob in den Schweizer Zeitungen oder im Fernsehen – überall geht es um die Deutschen. Der Komiker Viktor Giacobbo witzelt im Fernsehen: „250 Deutsche leben in der Schweiz. Äh nein, 250 000. Reines Wunschdenken.“ Das Thema der Talkshow „Der Club“ lautete vergangene Woche „Deutsche in der Schweiz – qualifiziert, integriert, unerwünscht?“ Ältere Herren aus Wirtschaft, Politik und Medien saßen dabei in einer Runde und sagten, was ihnen unter den Nägeln brennt: dass einem etwa in Schweizer Skiorten immer öfter der Liftbügel von Personen mit deutschem Akzent unter den Hintern geschoben würde.

Fünf Anzeigen gingen gerade bei der Zürcher Polizei ein, wegen Drohbriefen, die gegen Deutsche gerichtet sind. „Die Kugel für Sie steht schon bereit, du elende Deutsche“, heißt es etwa in einem Brief an eine Frau, die seit 30 Jahren in der Schweiz lebt. Auf den Straßen Zürichs wurden Autos mit deutschen Nummernschildern beschädigt. Und immer wieder hört man von Deutschen, die in der Straßenbahn nicht mehr den Mund aufmachen, weil sie Angst haben, als Deutsche erkannt zu werden. Vielleicht wollen sie aber nur ihren Sitzplatz behalten.

Mörgeli lässt sich in einen Ledersessel fallen. Ob es denn gar keine Deutschen gebe, die er mag? Umgekehrt haben die Deutschen ja meist ein gutes Bild von der Schweiz. In einer Umfrage des Forsa-Instituts gaben nur 21 Prozent der Befragten an, dass das Ansehen der Schweiz gerade leide. Mörgeli denkt nach. Doch, er kenne schon ein paar nette Deutsche. Die hätten ihr Geld in der Schweiz angelegt und würden immer zu ihm sagen: Ihr Schweizer, geht bloß nicht in die EU. Nur, dass ausgerechnet diese Deutschen bald Ärger bekommen werden.

An der Wand hängen zwei barocke Porträts, auf einem Tischchen steht eine Statue. Mörgeli ist ein Freund der Künste, anders als Christoph Blocher kommt er nicht aus der Wirtschaft, sondern arbeitet im Staatsdienst. Er ist Professor am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich, er hat über Totentänze geforscht und über Fieberthermometer. In seiner Publikationsliste finden sich auch Aufsätze wie: „Der Stadtarzt von Muralt kuriert eine Fussverbrennung.“ Unlängst hat sich Mörgeli um die Leitung des Instituts beworben. Bekommen hat sie ein Deutscher, Mörgeli schaffte es nicht einmal in die Endrunde.

Für Mörgeli ein Beweis für den „deutschen Filz“ an den Universitäten. Ende Dezember hat die SVP eine Inseratenkampagne gegen deutsche Universitätsangehörige gestartet. Als darauf 200 Professoren den SVP-Leuten Rassismus vorwarfen, schaltete die SVP eine neue Anzeige: „Sind die Deutschen eine Rasse?“ Mörgeli kichert wie ein Junge, der es einem Älteren gezeigt hat. Da habe man das Thema „spielerisch aufgefangen“.

In Mörgelis Hosentasche vibriert das Handy. Er ist ein gefragter Mann dieser Tage, alle wollen von ihm etwas über das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz wissen. Mörgeli redet gerne, eine seiner typischen Thesen geht so: Zwar unterstützen viele Deutsche als Ärzte das Schweizer Gesundheitswesen. Aber wenn nicht so viele Deutsche in der Schweiz wären, müsste man auch weniger Leute behandeln.

Da stellt sich dann die Frage, ob wirklich die Deutschen schuld daran sind, dass Mörgeli die Stelle an der Universität nicht bekommen hat. Vielleicht ist diese fast schon provokante Schlichtheit aber auch das Geheimnis seines Erfolges. Bei der Anti-Minarett-Initiative ist er jedenfalls mit solchen Sätzen durchgekommen.

Mörgeli würde es mit den Deutschen am liebsten wie mit den Minaretten halten: Sie sollten nicht in der Schweiz sein. Das Freizügigkeitsabkommen mit der EU, das die Schweiz 2004 unterzeichnet hat, soll rückgängig gemacht werden, der Zuzug der Deutschen gestoppt werden. Mörgeli kommt gut an damit, vor allem im bürgerlichen Mittelstand, der die gut ausgebildeten Deutschen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt fürchtet.

Die Türken, sagt Mörgeli, die blieben ja wenigstens unter sich. Aber die Deutschen, die treffe man überall, auf den Spielplätzen, in den Restaurants oder im Golfclub. Aber letztens habe er etwas gesagt. Da kam ihm in seinem Heimatort am Zürichsee eine Deutsche entgegen, erkannte ihn und murmelte: „Mein Gott, auch das noch.“ Da hat Mörgeli die Kinder stehen lassen, ist der Frau ins Geschäft nachgelaufen und hat gesagt: „Ich bin hier geboren und habe ein Recht hier zu sein.“

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