Schweiz : Neutral – aber gut gerüstet

Die Schweiz diskutiert über Ende der Wehrpflicht. Doch im Offizierskorps und in der Regierung will man von dem Aus für die Wehrpflicht nichts wissen.

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Genf - Selbst der oberste Dienstherr der Schweizer Armee denkt an den Beginn seiner Zeit als Wehrpflichtiger mit Schaudern zurück: „Das Sicheinordnen, das Rumschreien, die Befehle, Disziplinierungen und die Schinderei“, klagt Verteidigungsminister Ueli Maurer. „Das Militär war damals nicht attraktiv.“

Damals, das war in den sechziger und siebziger Jahren. Es herrschte Kalter Krieg. Damals wagte kein Schweizer an der sakrosankten Wehrpflicht zu rütteln. Heute aber wackelt sie: Die „Gruppe Schweiz ohne Armee“ (GSoA) plant die ersatzlose Abschaffung des Dienstes unter Waffen – seit Juli sammeln die Friedensaktivisten Unterschriften für eine Volksabstimmung. „Die Wehrpflicht bedeutet, dass der demokratische Staat seine Bürger zwingt, das Kriegshandwerk zu lernen und im Ernstfall ihr Leben zu opfern“, kritisiert Tobias Schnebli von der GSoA. „Heute fällt die Legitimation dafür, die Bedrohung durch eine militärische Invasion, weg.“ Es sind Argumente, die auch Gegner der deutschen Wehrpflicht ins Feld führen.

In der neutralen Schweiz mit knapp acht Millionen Einwohnern leidet die Armee seit dem Zerfall des Warschauer Pakts besonders stark unter einer Sinnkrise: Immer mehr Eidgenossen bezweifeln, dass die mit 190 000 Mann grotesk überdimensionierte Truppe noch Sinn macht. Kaum ein anderes westeuropäisches Land unterhält eine so große Streitkraft im Verhältnis zur Bevölkerung. Auch die massive Feuerkraft des Heeres passt eher in Planspiele für Abwehrschlachten gegen Sowjetarmeen: Laut letzten Angaben stehen rund 1700 Kampfpanzer, Schützenpanzer und Panzerhaubitzen bereit.

Rund die Hälfte der Eidgenossen lehnt es laut Umfragen ab, dass junge Männer zwischen 19 und 30 Jahren in die Kasernen einrücken müssen. Nach der Grundausbildung in der Rekrutenschule folgen regelmäßig sogenannte Wiederholungskurse – jeder Eingezogene muss mindestens 300 Tage dienen.

Ein weiterer Grund für die wachsende Skepsis gegenüber der Wehrpflicht: Das Tragen des Waffenrocks ist längst keine Voraussetzung mehr für eine steile zivile Karriere. Die Kameraden schanzten sich die besten Jobs in Banken und Industrie zu, in Bern schnarrten sie die politischen Kommandos. Heute aber zählt vor allem Leistung. Die Eidgenossenschaft muss im globalen Wettbewerb die Besten an die Schalthebel lassen – und nicht diejenigen, die es zum Offizier gebracht haben.

Dennoch: Im Offizierskorps und in der Regierung will man von dem Aus für die Wehrpflicht nichts wissen. „An die besten Leute kommt man nur heran, wenn sie müssen“, betont Hans Schatzmann, Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft. Verteidigungsminister Maurer will gar mit Wehrpflichtigen die Schweizer Armee „zur besten der Welt“ machen. Seit er diese Losung ausgab, sind anderthalb Jahre verstrichen. Einen konkreten Plan hat er noch nicht. Immerhin präsentierte der rechtsnationale Politiker dem Parlament vier Varianten für die neue Armee. Alle sehen einen Abbau der Truppenstärke vor.Jan Dirk Herbermann

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