Schweizer Franken : Was die Ablösung vom Euro für Deutschland bedeutet

Die Schweiz koppelt sich vom Euro ab, weil sie nicht mehr an ihn glaubt. Dass sie sich selber damit schadet und Panik riskiert, macht den Schritt umso glaubwürdiger. Für Deutschland und die Eurozone heißt das nichts Gutes. Ein Kommentar.

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Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am 15. 1. 2015 die Eurobindung des Franken überraschend aufgehoben.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat am 15. 1. 2015 die Eurobindung des Franken überraschend aufgehoben.Foto: imago

Eine solche Panik im Währungshandel zwischen westlichen Industrieländern hat es sehr lange nicht gegeben. Von einem Moment auf den anderen sank der Wert des Euros gegenüber dem Schweizer Franken um fast 30 Prozent, gegenüber dem Dollar sank der Euro auf ein Elf-Jahrestief. Die Schweizer Börse stürzte ab, andere Börsen folgten zunächst vor Schreck, bevor sie sich wieder erholten. Sofort machte das Wort vom „Finanztsunami“ die Runde.

Nicht nur die Finanzwelt wird über diesen Moment noch lange reden. Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat die Bindung des Frankens an den Euro aufgehoben. Dieser Schritt schadet auf extreme Weise der eigenen, stark exportorientierten Wirtschaft, weil der Franken im Wert steigt und damit die Einnahmen aus dem Handel mit dem wichtigsten Wirtschaftpartner auf einen Schlag um ein Fünftel fallen werden. Die Frage ist, warum die pragmatischen Schweizer, die immer auf ihren Vorteil gegenüber der EU schauen, sich selber so geschadet haben?

Schweizer Nationalbank geht davon aus, dass die EZB Anleihekäufe verkündet

Die Antwort muss Deutschland beunruhigen. Auffallend ist der Zeitpunkt: Am Vortag hatte der Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof deutlich gemacht, dass das Gericht mögliche Staatsanleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB) nicht untersagen würde. Damit ist der Weg für die EZB – zumindest juristisch – frei. Das muss schließlich nicht zwangsläufig heißen, dass es tatsächlich zu Staatsanleihekäufen kommt. Hier aber liegt der entscheidende Punkt. Die Schweizerische Nationalbank geht offenbar davon aus, dass EZB-Chef Mario Draghi am 22. Januar Anleihekäufe in großem Stil ankündigen wird. Und sie weiß, dass sie das, was dann folgt, nicht mitmachen kann – oder nicht mitmachen will.

Seit Monaten sinkt der Euro, von Draghi gewollt, immer weiter. Viele angelsächsische Ökonomen sehen darin aber auch ein Zeichen einer „secular stagnation“, eines langfristig anhaltenden Trends der wirtschaftlichen Stagnation, manche sprechen gar von Deflation. Die Schweizer mussten immer mehr Geld drucken, um den festen Wechselkurs zum Euro zu halten, der Druck wurde immer stärker. Weil die Schweizer davon ausgehen mussten, dass die EZB mit Staatsanleihekäufen den Euro noch weiter drücken würden, hatten sie keine andere Wahl.

Ist der Widerstand Deutschlands gegen EZB-Anleihekäufe gebrochen?

Was folgt daraus für Deutschland, außer dass deutsche Steuersünder mit einem Konto in der Schweiz jubeln und deutsche Schweiz-Besucher stöhnen, weil sie sich eine Reise in dieses ohnehin teure Land nun gar nicht mehr leisten können?

Es bedeutet, dass der jahrelange hartnäckige Widerstand Deutschlands gegen Staatsanleihekäufe offenbar gebrochen ist. Wenn aber die EZB solche Käufe verkünden wird, dann wahrscheinlich, weil sie nun gar keine andere Möglichkeit mehr sieht, die Wirtschaft der Eurozone aus dem Sumpf zu ziehen. Das zeigt die Dramatik der Lage. Die Aussichten sehen nicht gut aus. Ob Staatsanleihekäufe und die damit beabsichtigte Ausweitung der Geldmenge die Strukturprobleme in der Eurozone lösen, ist fraglich. Auf jeden Fall wird es längere Zeit dauern, bis alles besser wird.

Die Schweiz koppelt sich schon mal ab.

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