Politik : Schweizer Gentrifizierung

Industriegelände? Braucht die noch jemand? Sie werden umgebaut zu Trendquartieren. Nun auch in Zürich.

Max Glauner

Zürichs Stadtmarketing hatte sich in den vergangenen Novembertagen kräftig ins Zeug gelegt: Sämtliche Straßenbahnen waren wochenlang mit „Züri-West“-Wimpeln an der Front bestückt, als hätten alle nur ein Ziel: Zürich-West. Aufgeräumte Stadtbewohner strahlten von Plakaten, mit dem Bekenntnis, nur in „Züri-West“ könne man leben, arbeiten, shoppen. Und zu allem Überfluss tönten in Trams und Bussen gefakte Fahndungsaufrufe über Lautsprecher, stadtbekannte Persönlichkeiten wie Heinrich Pestalozzi oder James Joyce würden vermisst. Wo sie zuletzt gesehen worden seien? Natürlich in „Züri-West“.

Was hatte der für das sonst so zurückhaltende Zürich unerhörte Bohei zu bedeuten? Vordergründig galt er der Eröffnung zweier neuer Straßenbahnlinien. Doch die Trams erschließen seit Anfang Dezember ein Stadtviertel, das wie kein zweites in der Schweiz für die Modernisierungsschübe, Umbrüche und Transformationen der letzten zweihundert Jahre steht.

Viele Zürcher empfinden es nach wie vor als Peripherie mitten im Zentrum, als Fremdkörper und Stiefkind, aber auch als kreativen Reibungsort. Der Reklamelärm um die neue Tram, sekundiert durch den etwas diskreteren Eröffnungsrummel um den Prime Tower, das höchste Schweizer Gebäude im gleichen Quartier, übertönte somit eine komplexe Psychogeografie. Er orchestrierte die Heimholung eines Terrain Vague, das verwaltungstechnisch als Kreis 5, umgangssprachlich als „Industriequartier“ bezeichnet wird.

Die großflächigen Industrieareale haben sich im Kreis 5 zwar noch erhalten. Doch wird hier kaum mehr produziert. Statt Abwässer fließen Datenströme. Fabrikhallen wurden umgebaut, aufgestockt, oder abgerissen und durch postmoderne Neubaublöcke für zahlungskräftige Stadtbewohner ersetzt. Wie in den Londoner Docklands, dem Hamburger Hafen oder den Zechen des Ruhrgebietes folgten im Zürcher Kreis 5 die Phasen des Leerstands, der kreativen Zwischennutzung und schließlich der renditeorientierten Sanierung und Neubebauung unter den bekannten Vorzeichen wie monostrukturelle Nutzung und Gentrifizierung. Es gibt also viele Gründe, den Kreis 5 unter neuem Namen zu lancieren. Darunter durchaus positive. Die Londoner Docklands hatten zum Beispiel jahrelang unter der schlechten Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu leiden. Zürichs Tramlinie eröffnete noch bevor ein Großteil der bis 2015 avisierten Bauprojekte abgeschlossen ist. Aber die Slogans verdecken die lokalen Eigenheiten ebenso wie die Sonderwege, die Zürich im globalen Maßstab auszeichnen.

Um diese genauer in den Blick zu bekommen, lohnt sich ein Gang ins Schloss von Versailles. Für seine Galerie des Battailes, der Ruhmeshalle französischer Militärgeschichte, fertigte der Historienmaler François Bouchot knapp dreißig Jahre nach dem Ereignis das monumentale Gemälde „Die Schlacht von Zürich, 1799“. Im Hintergrund ragen schneebedeckte Alpengipfel, man erkennt die Türme der Limmatstadt und der See glänzt umgeben von Hügeln, Wald und Feldern. Ein beschauliches Idyll, wären da nicht hochdekoriert der einundvierzigjährige General André Masséna, „L’enfant chéri de la victoire“, auf seinem feurigen Rappen, die bewegte Entourage, die erbeuteten Kanonen, geschlagene Soldaten im Vordergrund. Diese Welt voller Leid und Ruhm inszeniert sich bei Bouchot vor einer zweiten Ordnung, die in ihrer Übereinkunft zwischen Natur und Kultur, Stadt (Zürich) und Land (Berge) vom Schlachtgetümmel und jeder Veränderung unberührt, auf Ewigkeit gebaut erscheint. Tatsächlich hat sich die Haltung, dass alles ewig so bliebe, tief in die Zürcher Stadtmentalität eingepflanzt. Wie sonst kann die inzwischen als geflügeltes Wort geltende Äußerung der Stadtbaudirektorin Ursula Koch, „Zürich ist gebaut!“ gedeutet werden? Noch 1986 sollte damit ein für alle Mal klargemacht werden, dass sich nichts verändere. Und das obwohl eine städtebauliche Neuorientierung mit der De-Industrialisierung längst auf der Agenda stand.

Und noch ein weiteres Detail in Bouchots Gemälde verdient Aufmerksamkeit. Die mit den Franzosen eingezogene Handels- und Gewerbefreiheit beendet die Zunftidylle in der Zwinglistadt. Ausgerechnet dort, wo der Pulverdampf im Gemälde noch aus Geschützen stammt, steigt Jahre später Rauch aus Fabrikschornsteinen auf und die erste Eisenbahn der Schweiz: Die Spanisch-Brötli-Bahn fährt hier ab 1847 ins nahe Baden. Es ist kein Zufall, dass Bouchot mit seinem Schlachtort den heutigen Kreis 5, das Industriequartier, markiert. Das Limmattal vor den Westtoren der Stadt, über Jahrhunderte Schlachtfeld, Hinrichtungsplatz und Kuhweide, wird zum helvetischen Schlachtfeld der Moderne.

Noch vor den Planungen des Zürcher James Hobrecht – Anton Bürkli – in den 1880er Jahren zieht hier der Eisenbahnbau Grenzen. Die heutigen Kreise 4 und 5 werden ausgehend vom Hauptbahnhof von Ost nach West von den Zubringergleisen großflächig getrennt. Ein Bahn-Viadukt nach Norden teilt die zwei Quartiere des Kreis 5. Hinter dem Hauptbahnhof entsteht ein Arbeiterviertel, Mietskasernen, ein schweizerisches Berlin-Kreuzberg auf einem halben Quadratkilometer, das heute durch einen hohen Ausländeranteil, Party-Kultur und Sexwirtschaft geprägt ist. Hinter dem Viadukt nach Westen dehnte sich im 19. und 20. Jahrhundert die Zürcher Industrie aus. Maag, Steinfels, Schoeller, Escher-Wyss, einstige Schweizer Traditionsunternehmen markieren heute nur mehr Flurnamen in einer Stadtlandschaft zwischen Hochhausträumen, neuer Öffentlichkeit und Brache, wie das Stadion der Grasshoppers Zürich, das 2008 abgerissen, seither seinem Wiederaufbau harrt.

Willi Staiger sitzt auf seinem Balkon in Zürich Wipkingen. Sein Haus steht wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem François Bouchot seine Staffelei zum Ruhm der Grande Nation aufbaute. Und immer noch glänzen hier die Alpengipfel wie frisch sanierte Jacketkronen in der Abendsonne. Kann man sich bei diesem Panorama und einer Schweizer Präzisionsuhr am Handgelenk überhaupt Veränderung vorstellen? Der rüstige Dreiundachtzigjährige wohnt hier schon seit siebenundfünfzig Jahren. Er lacht: „Hier verändert sich dauernd etwas. Schauen Sie da rüber.“ Willi Staiger deutet auf einen 120 m hohen Masten, der sich seit vergangenem Herbst aus der Talsenke erhebt. „Das wird der Swiss-Mill-Tower.“

Vielleicht ist die sprichwörtliche Gelassenheit der Zürcher darauf zurückzuführen, dass ihren Stadtpatronen Felix und Regula stellvertretend für alle nachfolgenden Generationen die Köpfe abgeschlagen wurden. Wenn es in Zürich baulich in die Höhe geht, liegen jedoch bei Befürwortern und Gegnern die Nerven blank. Dennoch kam bei der Volksabstimmung eine satte Mehrheit für das Projekt zustande. Auch Willi Staiger war dafür. Denn der „Tower“ stellt eigentlich einen Silo für die Stadtmühle dar, einer der letzten verbliebenen Produktionsstandorte in Zürich mit 73 Arbeitsplätzen.

Sonst bliebe vom einstigen Industriestandort im Kreis 5 nur noch die städtische Müllverbrennungsanlage mit ihrem weithin sichtbaren Kamin. Sie produziert Fernwärme bis 2020. Dann wird auch sie zurückgebaut. Wie überall in Europa haben sich die Verhältnisse auch in Zürich umgekehrt. Noch in den 1960er Jahren arbeiteten im Kreis 5 120000 Menschen in der Industrie, 20000 in der Verwaltung. Heute sind keine 5000 Arbeitsplätze in der Produktion übrig geblieben. Ihnen stehen 8000 im Verwaltungs- und Dienstleistungssektor gegenüber. 12000 sollen es bis 2020 werden. Dazu wird das Industriequartier als Wohnquartier entdeckt. 5000 Menschen leben hier heute. In zehn Jahren sollen es 7000 mehr sein.

Was hält Willi Staiger vom „Trendquartier“ vor seiner Haustüre? Im Industriequartier hatte er einmal seinen Arbeitsplatz. Heute verbindet er damit zuerst einmal die neuen Hochhäuser im Kreis 5. Er zeigt nicht ohne Stolz auf den grünen Kubus des Prime Tower neben dem ebenfalls gerade fertiggestellten Hotel- und Apartmentgebäude des Mobimo Tower und merkt an, „Zürich hat eben wenig Platz.“ Einer, der sich über den Prime Tower richtig aufregen kann, ist der Professor für die Geschichte des Städtebaus an der renommierten ETH Zürich, Vittorio Lampugniani. Gegen Hochhäuser hat der Professor im Grunde nichts. Aber für ihn ist der 126-m-Klotz ein oktroyierter Fremdkörper, dessen Banalität der Funktion in keinem Verhältnis zur auftrumpfenden Geste steht. „Er hat mit seinem Umfeld nichts zu tun,“ ereifert sich der Römer, „das hat mit Marketing aber nichts mit Urbanität und gelebter Stadt zu tun.“

Gelebte Stadt war für Willi Staiger jahrzehntelang der Beginn des Arbeitstags im Tram-Depot am Escher-Wyss-Platz nur wenige hundert Meter vom Prime Tower entfernt. „Bei Betriebsschluss strömten die Leute in Massen aus den Fabriktoren,“ erzählt der pensionierte Tram-Fahrer begeistert, „zum Feierabend schnappten wir in der Betriebskantine der Löwenbrauerei ein Bier. Das ist längst vorbei.“ Den Hahn hat man dort 1988 zugedreht. Wenige Jahre später begann hier eine Geschichte, von der Willi Staiger nicht mehr viel mitbekam, die jedoch weit über Zürich-West hinaus Modellcharakter besitzt.

Vom „Monsterkonzert“ der Rolling Stones 1967 bis hin zu den 1980er-Krawallen unter dem Slogan „Züri brännt“ erlebte die Stadt eine ganze Reihe von Kämpfen zwischen Subkultur und Establishment, als wären die Franzosen wieder vor der Stadt. Gegen Ende der 1980er Jahre begannen sich die harten Fronten aufzuweichen. In den aufgelassenen Fabriken und Verwaltungsgebäuden des Industrieareals konnte mit etwas Verhandlungsgeschick leicht verfügbarer Raum akquiriert werden. Aus Industrieunternehmen waren Immobilienverwerter geworden, die bei häufigem Eigentümerwechsel lange nicht wussten, was sie mit ihren Liegenschaften anfangen sollten, auch darum, weil es an verbindlichen Konzepten und Leitlinien für das Quartier fehlte. Das ungenutzte Schöller-Areal und das Toni-Areal, ein gewaltiger Betonkasten einer Molkerei, galten neben dem Löwenbräu jahrelang als angesagte Szeneadressen für zeitgenössische Kunst, Klubs, Bars und gute Partys. Es waren Orte an denen tatsächlich Grenzen verschoben und Trends gesetzt wurden. Von den Machern der Kunsthalle zum Beispiel. Der erst kurz zuvor gegründete Verein eröffnete 1987 in den Schöller-Hallen seine erste Ausstellung mit der erklärten Absicht, über die lokale Szene hinaus junge, international bedeutende Positionen zu lancieren. „Wir haben uns nie vor den Karren spannen lassen“, erklärt die Kunsthallendirektorin Beatrix Ruf auf die Frage, ob sich die Kunst zum billigen Vehikel der Wertsteigerung bracher Immobilien machen ließ. Man musste schon das Schöller-Areal für eine städtische Wohnbebauung räumen. Das Löwenbräu-Areal erwies sich dann in den 1990er Jahren als ideale Ausweichadresse. Das 1996 gegründete Migros Museum für Gegenwartskunst mietete sich dort ebenso ein, wie die Daros Stiftung für zeitgenössische lateinamerikanische Kunst sowie fünf kommerzielle renommierte Galerien. Die Mischung aus Kunstvereinen, Museum und Galerien weckte Skepsis unter jenen, die eine unheilige Melange zwischen Kunst und Kommerz witterten. Doch das Haus stiftete ungeahnte Synergien. Das Löwenbräu-Areal entwickelte sich zum Publikumsmagnet. „Wir hatten keine Probleme uns abzugrenzen“, erzählt Beatrix Ruf, „und unsere Eröffnungen waren immer bestens besucht.“

Die Kunsthalle zeigt momentan Arbeiten des türkischen Zeichners Yüksel Arslan in der Bärengasse hinter den Bankgebäuden am Paradeplatz.

Für eineinhalb Jahre musste die mittlerweile in der Zürcher Kunstlandschaft etablierte Institution wieder einmal ein Ausweichquartier beziehen. 2005 war ein bei der Stadtverwaltung eingereichtes Baugesuch für das Löwenbräu-Areal erfolgreich, das hier eine Sanierung und Neubebauung für Dienstleistungen und Wohnraum vorsah.

Für die Museen und Galerien stellte sich die Frage, gehen oder bleiben und wenn ja, unter welchen Bedingungen. „Wir wollten den Standort auf keinen Fall aufgeben. Es ging auch darum, das Feld nicht dem Kommerz zu überlassen,“ erzählt die Kunsthallendirektorin, die lange Geschichten davon erzählen kann, die Finanzierung zu sichern und erst einmal alle unter einen Hut zu bekommen. Doch im überschaubaren Rahmen gelang hier, was der Stadt in Bezug auf das gesamte Quartier über weite Strecken glückte, nämlich alle Interessenvertreter an einen Tisch zu bekommen. Das Zürcher Zauberwort hierfür, und seither Exportschlager für ähnliche Problemfelder bis hin nach Berlin: die kooperative Entwicklungsplanung. Mit ihr konnte die Stadt nicht nur große Flächen für öffentliche Räume, sondern auch Platz für Wohnen und Kultur sichern.

Der Schiffbau zum Beispiel. Er wurde bereits vor zwölf Jahren als Theater eröffnet. In das erweiterte Toni-Areal soll bis 2013 die Hochschule der Künste einziehen. Ob die Kooperationen beim Löwenbräu-Areal gelingen würde, stand lange offen. Erst im März 2011 stimmte der Gemeinderat der Aktionärsbeteiligung der Stadt Zürich an der Löwenbräu Kunst AG zu, an der nun die Stiftung Kunsthalle Zürich, der Migros-Genossenschafts-Bund und die Stadt Zürich zu je einem Drittel beteiligt sind. Die Kunst AG erwirbt nun Teile des Löwenbräu-Komplexes mit sanierten Alt- und Neubauten von der bisherigen Eigentümerin und vermietet die Flächen langfristig an bestehende und neue Mieterinnen, darunter die Kunsthalle Zürich. Damit wäre ein weltweit einzigartiger Standort für Gegenwartskunst langfristig gesichert. Allerdings ist bei der Kunsthalle der 4,5-Millionenbeitrag nicht voll ausfinanziert. Beatrix Ruf kommt von ihrem Mobiltelefon in den letzten Wochen nicht mehr los. Nur darin ist sie sich sicher: 1. August diesen Jahres, dem Schweizer Nationalfeiertag, wird man gemeinsam eine rauschende Einweihungsfeier geben. Die Trams könnten für dieses Ereignis wieder Wimpel tragen.

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