Schweizer Politikwissenschaftler : ''Allgemeine Angst vor Überfremdung''

Marc Helbling (32) ist Schweizer Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Migration, Nationalismus, Staatsbürgerschaft und Fremdenfeindlichkeit.

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Der Schweizer Politikwissenschaftler Marc Helbling -Foto: Promo

Herr Helbling, warum haben die Schweizer gegen das Minarett gestimmt?



In der Schweiz gibt es eine verbreitete Angst vor dem Islam. Sie ist aber nicht ausgeprägter als in anderen Ländern. Das Ergebnis war für alle überraschend. Niemand, auch nicht die Muslime, haben mit einem Sieg der Minarett-Gegner gerechnet.

Warum haben Schweizerische Volkspartei (SVP) und die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU) das Minarett als Gegenstand für eine Volksinitiative gewählt?

Ich denke, das war eine strategische Entscheidung. Man hat versucht, nicht gleich die gesamte Religion anzugreifen. Eine Moschee kann ja ohne Minarett gebaut werden. Man kann ein zentrales Symbol des Islams angreifen, ohne sich dem Angriff auszusetzen, dass man die Religionsfreiheit einschränken will. Das Minarett symbolisiert für viele Schweizer einen extremen Islam. Eine ähnliche Diskussion wäre aber auch über das Kopftuch oder die Burka denkbar.

Hat nur die Angst vor dem Islam eine Rolle gespielt?

Nein, es gibt in der Schweiz wie anderswo auch eine allgemeine Angst vor Überfremdung. Interessanterweise werden zum Teil ähnliche Argumente gegen deutsche Migranten vorgebracht wie gegen Muslime.

Was haben Schweizer gegen die Deutschen?

Es wird gefragt, ob die Deutschen kulturell zur Schweiz passen und warum die Deutschen anders sind als Schweizer. Auch beklagen Schweizer, dass es zu viele von ihnen gibt. Im deutschsprachigen Teil der Schweiz gibt es ziemlich heftige Debatten. Die Forschung spricht sogar von „Germanophobie“.

Wie weit geht diese Germanophobie? Wäre in der Schweiz eine Volksabstimmung möglich, die deutsche Migranten angreift?

Ich denke nicht. Das Phänomen der Germanophobie ist nicht so stark ausgeprägt wie die Islamfeindlichkeit. Zudem konzentriert sich die deutsche Migration nur auf den deutschensprachigen Teil der Schweiz, besonders auf Zürich. Eine gesamtschweizerische Abstimmung hätte keine Chance.

Das Gespräch führte Mehmet Ata.

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