Schwere Gefechte : Jemen am Rande eines Bürgerkrieges

Erneut ist es zu schweren Gefechten im Jemen gekommen. Experten befürchten, dass die chaotischen Verhältnisse dem Terrornetzwerk Al Qaida in die Hände spielen.

Kaveh Kooroshy
Die Stimmung im Jemen ist aufgeheizt.
Die Stimmung im Jemen ist aufgeheizt.Foto: Reuters

Im Jemen hält die Gewalt weiter an. In der zweitgrößten Stadt des Landes im Süden, in Taes, ist es am Dienstag laut lokalen Medien, erneut zu Gefechten zwischen der republikanischen Garde und Regierungsgegnern gekommen. Stammesführers, Scheich Hammud Saeed el Michlafi, Chef des Stammesrates in Taes, erklärte, dass die Stadt inzwischen von Oppositionellen kontrolliert wird. Bewaffnete Stammesvertreter seien in der Stadt und vor allem vor Regierungsgebäuden positioniert, um die "friedlichen regierungskritischen Demonstranten zu beschützen", sagte er. Laut UN waren in der vergangenen Woche mehr als 50 Menschen in Taes getötet worden, als jemenitische Sicherheitskräfte gewaltsam eine Sitzblockade auf dem zentralen Platz der Freiheit auflösten. Auch aus anderen Teilen des Landes wurden Kämpfe gemeldet. Die Armee erklärte, sie habe in Sindschibar Dutzende Extremisten getötet, darunter ein lokaler Al-Qaida-Anführer.

Die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA und die Regionalmacht Saudi-Arabien, arbeiten weiter an einer politischen Lösung des Konflikts. Saudi-Arabien könnte den Präsidenten Jemens dazu bewegen, einen Plan des Golfkooperationsrates für einen friedlichen Machtwechsel zu unterzeichnen, bisher war es aber mit seinen Bemühungen gescheitert. Das einflussreiche Nachbarland hat laut Ulrike Freitag, Leiterin des Zentrum Moderner Orient, Interesse an einem stabilen Jemen. "Saudi-Arabien hat sicherlich Angst vor einem starken und auch vor einem demokratischen Jemen, Saudi-Arabien will aber einen ruhigen Jemen an seiner Grenze haben" sagte die Expertin dem Tagesspiegel. Auch die USA unterstützen den vom Golfkooperationsrat ausgearbeiteten Plan, der die Bildung einer Übergangsregierung sowie den Rücktritt von Präsident Saleh innerhalb eines Monats vorsah. Die USA befürchten einen Rückzugsraum für Al Qaida, sollte der Jemen weiter destabilisiert werden. "Wie in Ägypten und Tunesien ist Al Qaida von der Situation überrollt worden. Chaotische Verhältnisse im Jemen spielen trotzdem der Al Qaida in die Hände, da es ihnen Rückzugsmöglichkeiten schafft. In den Unruhen gegen den Präsidenten spielt Al Qaida aber keine Rolle", erklärte Freitag.

In der Hauptstadt Sanaa sind derweil zehn Leichen gefunden worden, berichtete die Nachrichtenseite "Jemen News". Die Toten wurden im Al-Hasaba-Viertel gefunden, unklar blieb, ob es sich um Kämpfer von Scheich Sadik al-Ahmar oder Anhänger von Präsident Salih handelt. In dem Viertel hatte es in den vergangenen Wochen schwere Gefechte zwischen den Regierungstruppen und den Kämpfern des Scheichs gegeben, der sich mit der protestierenden Jugend solidarisiert hatte. Bei den Gefechten war vergangenen Freitag auch Präsident Saleh und hochrangige Regierungsvertreter verletzt worden, sieben Menschen starben. Seither liegt er in einem Krankenhaus in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad auf der Intensivstation. Ihm wurde inzwischen nach Angaben eines Arztes ein Splitter aus dem Hals entfernt. Er soll nach Angaben eines US-Regierungsvertreters schwerer verletzt worden sein, als bislang offiziell dargestellt. Der Präsident habe an 40 Prozent seines Körpers Verbrennungen erlitten, sagte der US-Vertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte, am Dienstag. Ursprünglich war nach dem Angriff am Freitag nur von leichten Verletzungen die Rede. Später hieß es, Saleh sei in einer Klinik in Saudi-Arabien ein Raketensplitter operativ aus der Brust entfernt worden. Bisher hat sich der jemenitische Präsident seit dem Angriff, bei dem mehrere seiner Leibwächter getötet wurden, nicht mehr öffentlich gezeigt. Wie es die Verfassung in diesem Fall vorsieht, hat Vizepräsident Abed Rabbo Mansur Hadi die Amtsgeschäfte für die Dauer der Abwesenheit des Präsidenten übernommen. Er erklärte, der Präsident wolle möglichst bald in sein Land zurückkehren. Die Protestbewegung und die Opposition, die seit Monaten seinen Rücktritt fordern, wollen dies jedoch um jeden Preis verhindern.

Ob eine politische Lösung des Konflikts noch möglich ist, bleibt unklar. Angesichts der Tatsache, dass Präsident Saleh, trotz schwerer Verletzungen, nicht bereit ist zurückzutreten, während die Opposition Teile des Landes kontrolliert, wird ein Abrutschen Jemens in einen Bürgerkrieg befürchtet. Eine Lösung könnte ein föderalistischer Staat sein, in dem die verschiedenen Interessen, vor allem zwischen dem ärmeren Norden und dem reicheren Süden, ausgeglichen werden.

In Deutschland wird am Sonntag für das 2009 im Jemen entführte sächsische Ehepaar und dessen kleinen Sohn in Bautzen ein Abendgottesdienst abgehalten. Die Krankenschwester und der Ingenieur aus Meschwitz bei Bautzen wurden am 12. Juni 2009 nördlich von Jemens Hauptstadt Sanaa mit ihren drei Kindern verschleppt. Die beiden Mädchen des Ehepaares kamen im Mai 2010 durch Sicherheitskräfte im saudisch-jemenitischen Grenzgebiet überraschend frei. Das Schicksal der Eltern und des bei der Entführung knapp einjährigen Bruders ist noch immer ungeklärt.

Großbritannien bereitet sich offenbar bereits auf die Evakuierung seiner Staatsbürger im Jemen vor. Die BBC berichtete, ein britisches Marineschiff sei vor die jemenitische Küste verlegt worden, um im Notfall britische Staatsbürger rasch in Sicherheit bringen zu können. (mit dpa/AFP)

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