Schwere Gefechte : Jemen am Rande eines Bürgerkrieges

07.06.2011 14:00 UhrVon Kaveh Kooroshy
Die Stimmung im Jemen ist aufgeheizt. Foto: Reuters
Die Stimmung im Jemen ist aufgeheizt. - Foto: Reuters

Erneut ist es zu schweren Gefechten im Jemen gekommen. Experten befürchten, dass die chaotischen Verhältnisse dem Terrornetzwerk Al Qaida in die Hände spielen.

Im Jemen hält die Gewalt weiter an. In der zweitgrößten Stadt des Landes im Süden, in Taes, ist es am Dienstag laut lokalen Medien, erneut zu Gefechten zwischen der republikanischen Garde und Regierungsgegnern gekommen. Stammesführers, Scheich Hammud Saeed el Michlafi, Chef des Stammesrates in Taes, erklärte, dass die Stadt inzwischen von Oppositionellen kontrolliert wird. Bewaffnete Stammesvertreter seien in der Stadt und vor allem vor Regierungsgebäuden positioniert, um die "friedlichen regierungskritischen Demonstranten zu beschützen", sagte er. Laut UN waren in der vergangenen Woche mehr als 50 Menschen in Taes getötet worden, als jemenitische Sicherheitskräfte gewaltsam eine Sitzblockade auf dem zentralen Platz der Freiheit auflösten.

Auch aus anderen Teilen des Landes wurden Kämpfe gemeldet. Die Armee erklärte, sie habe in Sindschibar Dutzende Extremisten getötet, darunter ein lokaler Al-Qaida-Anführer.

Die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA und die Regionalmacht Saudi-Arabien, arbeiten weiter an einer politischen Lösung des Konflikts. Saudi-Arabien könnte den Präsidenten Jemens dazu bewegen, einen Plan des Golfkooperationsrates für einen friedlichen Machtwechsel zu unterzeichnen, bisher war es aber mit seinen Bemühungen gescheitert. Das einflussreiche Nachbarland hat laut Ulrike Freitag, Leiterin des Zentrum Moderner Orient, Interesse an einem stabilen Jemen. "Saudi-Arabien hat sicherlich Angst vor einem starken und auch vor einem demokratischen Jemen, Saudi-Arabien will aber einen ruhigen Jemen an seiner Grenze haben" sagte die Expertin dem Tagesspiegel. Auch die USA unterstützen den vom Golfkooperationsrat ausgearbeiteten Plan, der die Bildung einer Übergangsregierung sowie den Rücktritt von Präsident Saleh innerhalb eines Monats vorsah. Die USA befürchten einen Rückzugsraum für Al Qaida, sollte der Jemen weiter destabilisiert werden. "Wie in Ägypten und Tunesien ist Al Qaida von der Situation überrollt worden. Chaotische Verhältnisse im Jemen spielen trotzdem der Al Qaida in die Hände, da es ihnen Rückzugsmöglichkeiten schafft. In den Unruhen gegen den Präsidenten spielt Al Qaida aber keine Rolle", erklärte Freitag.

In der Hauptstadt Sanaa sind derweil zehn Leichen gefunden worden, berichtete die Nachrichtenseite "Jemen News". Die Toten wurden im Al-Hasaba-Viertel gefunden, unklar blieb, ob es sich um Kämpfer von Scheich Sadik al-Ahmar oder Anhänger von Präsident Salih handelt. In dem Viertel hatte es in den vergangenen Wochen schwere Gefechte zwischen den Regierungstruppen und den Kämpfern des Scheichs gegeben, der sich mit der protestierenden Jugend solidarisiert hatte. Bei den Gefechten war vergangenen Freitag auch Präsident Saleh und hochrangige Regierungsvertreter verletzt worden, sieben Menschen starben. Seither liegt er in einem Krankenhaus in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad auf der Intensivstation. Ihm wurde inzwischen nach Angaben eines Arztes ein Splitter aus dem Hals entfernt. Er soll nach Angaben eines US-Regierungsvertreters schwerer verletzt worden sein, als bislang offiziell dargestellt. Der Präsident habe an 40 Prozent seines Körpers Verbrennungen erlitten, sagte der US-Vertreter, der namentlich nicht genannt werden wollte, am Dienstag. Ursprünglich war nach dem Angriff am Freitag nur von leichten Verletzungen die Rede. Später hieß es, Saleh sei in einer Klinik in Saudi-Arabien ein Raketensplitter operativ aus der Brust entfernt worden. Bisher hat sich der jemenitische Präsident seit dem Angriff, bei dem mehrere seiner Leibwächter getötet wurden, nicht mehr öffentlich gezeigt. Wie es die Verfassung in diesem Fall vorsieht, hat Vizepräsident Abed Rabbo Mansur Hadi die Amtsgeschäfte für die Dauer der Abwesenheit des Präsidenten übernommen. Er erklärte, der Präsident wolle möglichst bald in sein Land zurückkehren. Die Protestbewegung und die Opposition, die seit Monaten seinen Rücktritt fordern, wollen dies jedoch um jeden Preis verhindern.

Ob eine politische Lösung des Konflikts noch möglich ist, bleibt unklar. Angesichts der Tatsache, dass Präsident Saleh, trotz schwerer Verletzungen, nicht bereit ist zurückzutreten, während die Opposition Teile des Landes kontrolliert, wird ein Abrutschen Jemens in einen Bürgerkrieg befürchtet. Eine Lösung könnte ein föderalistischer Staat sein, in dem die verschiedenen Interessen, vor allem zwischen dem ärmeren Norden und dem reicheren Süden, ausgeglichen werden.

In Deutschland wird am Sonntag für das 2009 im Jemen entführte sächsische Ehepaar und dessen kleinen Sohn in Bautzen ein Abendgottesdienst abgehalten. Die Krankenschwester und der Ingenieur aus Meschwitz bei Bautzen wurden am 12. Juni 2009 nördlich von Jemens Hauptstadt Sanaa mit ihren drei Kindern verschleppt. Die beiden Mädchen des Ehepaares kamen im Mai 2010 durch Sicherheitskräfte im saudisch-jemenitischen Grenzgebiet überraschend frei. Das Schicksal der Eltern und des bei der Entführung knapp einjährigen Bruders ist noch immer ungeklärt.

Großbritannien bereitet sich offenbar bereits auf die Evakuierung seiner Staatsbürger im Jemen vor. Die BBC berichtete, ein britisches Marineschiff sei vor die jemenitische Küste verlegt worden, um im Notfall britische Staatsbürger rasch in Sicherheit bringen zu können. (mit dpa/AFP)

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite