Politik : Schwere Kindheit

Die Zahl der übergewichtigen Jugendlichen hat sich in Deutschland in 15 Jahren verdoppelt – die Politik sucht nach Diäten

Roman Heflik

Die EG-Gesundheitsminister warnen: Naschen gefährdet Ihre Gesundheit. Das steht zwar noch auf keiner Milchschnitte und keinem Snickers. Doch Deutschlands Jugend ist zu dick – sie platzt aus allen Nähten. Heute gibt es doppelt so viele übergewichtige Kinder wie vor 15 Jahren. Gesundheitsexperten überlegen deshalb, wie sie Jugendlichen die Naschsucht austreiben und gesunde Ernährung einbläuen können. Am Mittwoch rief Ernährungsministerin Künast zu einer Fachrunde in ihr Ministerium.

Studien belegen, dass mittlerweile jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche das gewisse Etwas zu viel auf den Rippen hat. Zu wenig Bewegung und falsches Essen machen die Kinder dick und krank. Das Ministerium fürchtet eine „Amerikanisierung“, eine schwergewichtige Burger-Generation. Die Politik will das Problem an der Wurzel packen: Geklärt werden sollte in der Runde bei Künast die Frage, wie schlecht sich die junge Generation der Deutschen wirklich ernährt. Die Antwort der Fachleute fiel alles andere als einheitlich aus: Das Fernsehen sei schuld, sagte die Vertreterin der Nahrungsmittelindustrie. Nicht das Essen mache dick, sondern der Mangel an Bewegung.

Sind die pummeligen Teens also selbst schuld an ihrer Misere? Glotze aus, Joggingschuhe an, mehr Salat und fertig? Bewegung ist umsonst, vernünftiges Essen aber für viele ein Luxus: „Gesund ernähren kann sich doch heute nur ein kleiner Teil der Bevölkerung“, wandte ein Ernährungsberater ein. Die große Masse müsse sich mit Junkfood und Zusatzstoffen in Lebensmitteln abfinden. „Hier muss die Industrie zur Verantwortung gezogen werden.“

Die Erziehung zum gut ernährten Staatsbürger forderte dagegen ein Toxikologe: „Man muss schon im Kindergarten ansetzen.“ Wie es bei der Erziehung zur Zahngesundheit war: An die Bösewichte Karius und Baktus könne sich schließlich jeder erinnern. Eine Kinderärztin vom Bundesinstitut für Risikobewertung ging noch weiter: „Hinweise zur richtigen Ernährung gehören nicht nur auf Lebensmittel, sondern notfalls auch auf Briefmarken.“

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