Politik : Schwere Krawalle in Ägyptens Kirchen

Zwist zwischen Religionsgruppen eskaliert

Andrea Nüsse[Kairo]

Das Osterfest der christlichen Kopten in Alexandria wird von konfessioneller Gewalt überschattet. Die Auseinandersetzungen waren am Freitag durch Angriffe auf Kopten in drei Kirchen der zweitgrößten Stadt Ägyptens ausgelöst worden. Dabei waren ein Gläubiger getötet und mindestens zwölf Menschen verletzt worden. Am Wochenende griff die Polizei mit scharfer Munition und Tränengas ein, als junge Christen und Muslime aufeinander losgingen und christliche Geschäfte angriffen. Dabei soll ein Muslim getötet worden sein. Eine Woche vor dem orthodoxen Osterfest, das am kommenden Wochenende begangen wird, ist Alexandria damit erneuter Schauplatz von Konflikten zwischen Muslimen und koptischer Minderheit, die etwa zehn Prozent der 75 Millionen Ägypter ausmacht.

Die Behörden versuchen, einen 25-jährigen Einzeltäter, der „mental instabil“ sei, für die Angriffe verantwortlich zu machen. Zuerst hatte die Polizei aber von drei Tätern gesprochen. Die koptische Kirche sieht einen „terroristischen Anschlag auf die Kirchen vor den Osterfeiertagen“. Der koptische Abgeordnete der liberalen „Wafd“-Partei glaubt nicht an den geistesgestörten Einzeltäter, der in einer Stunde in drei Kirchen Alexandrias Gläubige mit dem Messer angegriffen haben soll. „Die Lage ist ernster, als wir uns vorstellen können“, sagt Munir Fakhi Abdelnour. Er macht starke soziale Spannungen zwischen beiden Glaubensgemeinschaften verantwortlich, die „in Hass“ umgeschlagen seien. Die islamistischen Muslimbrüder verurteilten die Angriffe auf Kopten: „Ich verstehe nicht, was die Polizei gemacht hat. Sie soll die Kirchen schützen“, sagte Führungsmitglied Issam al Aryan der Nachrichtenagentur AFP.

Obwohl Muslime und Kopten in Ägypten größtenteils friedlich zusammenleben, kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen. Kopten beklagen Diskriminierung, die vom Staat sanktioniert werde. In der Tat ist es sehr schwer, die Baugenehmigung für eine Kirche zu erhalten. Führungsposten in der Verwaltung werden nach Ansicht vieler Kopten lieber an Muslime gegeben. Muslime dagegen werfen Kopten Arroganz vor. 2005 hatte die DVD-Aufnahme eines Theaterstücks in Alexandria konfessionelle Unruhen ausgelöst. Ein Richter, der mit seinen Aussagen zu dem heiklen Thema nicht genannt werden will, gab sich schockiert vom Inhalt des Stücks. „Die Kopten haben Recht, wenn sie von Diskriminierung beim Bau von Gotteshäusern sprechen“, sagt er. Aber in dem Theaterstück werde in beleidigender Weise über Muslime, ihre „minderwertige“ Kultur und Religion hergezogen.

In Ägypten identifizieren sich viele Menschen erst mit ihrer Religionsgruppe und dann mit dem Staat, was auch gefördert wird. So wird bei Streitigkeiten oder Vergehen, von denen ein Muslim und ein Kopte betroffen sind, per Gesetz die Staatssicherheit hinzugezogen. Erschwerend hinzu kommt die Rigidität der Kopten unter ihrem erzkonservativen Führer Baba Shenuda. Weil er die Wiederheirat von Kopten verbietet, bekehren sich immer wieder Christinnen zum Islam, um nach einer Scheidung wieder heiraten zu können. Ebenso häufig sind die Vorwürfe der Kopten, die Frauen würden mit Gewalt zum Religionswechsel gezwungen.

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