Politik : Schweres Gepäck

Auf der Reise wird es auf jedes Wort ankommen. Die Besuche des Papsts in Berlin und Erfurt sind heikel

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Berlin - Er möchte keine religiöse „Show“. Das hat Benedikt XVI. in seinem „Wort zum Sonntag“ vor vier Tagen ausdrücklich betont. Shows, Spektakel, von Hunderttausendern bejubelt zu werden, all das ist ihm ein Graus. Wohler wäre ihm, wenn gar nicht er im Mittelpunkt der Reise stünde, sondern allein: Gott. In seiner Sonntagsansprache hat er nichts über die Euro-Krise gesagt, nichts zu den Missbrauchsfällen, nichts zur Krise der katholischen Kirche. Ihm geht es um die ganz großen Fragen: Gibt es Gott? Wie zeigt sich Gott im politischen Handeln, wie im Pluralismus der Religionen, wie im Zwischenmenschlichen? „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ heißt das Motto seiner Reise. Nicht etwa: „Wo der Papst ist, da ist Zukunft“.

Die Päpste und die Deutschen hatten schon immer ein spezielles Verhältnis miteinander. Das war im Mittelalter so, das war zu Bismarcks Zeiten so und ist heute noch zu spüren. Entspannt ging es selten zu. Wenn Benedikt XVI. an diesem Donnerstag in Berlin den Bundespräsidenten und die Kanzlerin trifft und im Bundestag spricht, wird jedes Wort auf die Goldwaage kommen. Er wird die Deutschen loben für ihr soziales Engagement, ihren Einsatz für die Menschenrechte und ihre Anstrengungen für das Zusammenwachsen Europas. Er wird an die jüdisch-christlichen Wurzeln des Abendlandes erinnern. Aber auch Ermahnungen werden nicht fehlen. Die Säkularisierung und Individualisierung der Gesellschaft machen dem Papst Sorgen und dass immer mehr Menschen meinen, die Kirchen seien eine Last für die Gesellschaft. Diese „Gottesferne“, die selbst unter den Katholiken zunimmt, wird er kritisieren und darum werben, dass sich die Deutschen wieder mehr für Gott öffnen mögen.

Dass es zwischen den Deutschen und Rom selten rundlief, lag auch an Martin Luther. Er hat nicht nur seinen Protestanten, sondern auch den Katholiken einen papst-kritischen Geist eingepflanzt. Es ist also eine große, historische Geste, wenn Benedikt XVI. am Freitag das Augustinerkloster in Erfurt besucht, wo jener Luther Mönch war. Ob sich über diese Geste hinaus Grundlegendes zwischen evangelischer und katholischer Kirche ändern wird durch diesen Besuch, bezweifeln beide Seiten. Immerhin ist für das Gespräch zwischen dem Papst und den Evangelischen eine halbe Stunde angesetzt – mehr Zeit als für jedes andere Treffen. Anschließend will man zusammen eine Andacht feiern.

Der Pontifex trifft sich aber nicht nur mit den Evangelischen, sondern auch mit Vertretern der othodoxen Kirche, der jüdischen und der muslimischen Gemeinschaft. Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, will bei der Begegnung die Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum in den Mittelpunkt seiner Rede stellen. „Es soll aber auch nicht vergessen werden, was aus Sicht vieler Juden „weh- tut“: Benedikts Annäherung an die antisemitische Piusbruderschaft und die Wiedereinführung der Tridentinischen Messe mit der Karfreitagsfürbitte für die Erleuchtung der Juden. Auch die geplante Seligsprechung von Papst Pius XII. bereitet der jüdischen Gemeinschaft Unbehagen. Aus ihrer Sicht hat Pius XII. zu wenig gegen die Shoah unternommen.

Am Freitagnachmittag wird das Oberhaupt der katholischen Kirche im Wallfahrtsort Etzelsbach im katholischen Eichsfeld Gottesdienst feiern und die Katholiken in Ostdeutschland loben dafür, dass sie ihren Glauben in der DDR verteidigt haben. Es wäre eine Gelegenheit, auch allen anderen Ostdeutschen dafür zu danken, dass sie für die Freiheit gekämpft und in den vergangenen 20 Jahren viel geleistet haben für das Zusammenwachsen Deutschlands.

Am Sonnabend und Sonntag ist der Papst in Freiburg. Zum einen, weil es die Heimatdiözese von Erzbischof Robert Zollitsch ist, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Zum anderen, weil es die am weitesten im Westen gelegene Großstadt Deutschlands ist und damit schon geographisch einen Kontrapunkt zu Berlin bildet. In Freiburg trifft sich Benedikt auf eigenen Wunsch mit den Bundesverfassungsrichtern und Altkanzler Helmut Kohl. Kohl steht ihm nah, weil dieser nicht nur für die Einheit Deutschlands gekämpft hat, sondern auch für die Einheit Europas unter christlichem Vorzeichen.

Benedikt beginnt seine Reise in Berlin mit dem Besuch bei Regierung und Parlament, er beendet sie in Freiburg mit einem Empfang für Menschen, die sich zivilgesellschaftlich für Deutschland engagieren. Eine Vigil mit Jugendlichen am Samstagabend und ein Abschlussgottesdienst auf dem ehemaligen Freiburger Flughafen, zu dem rund 100 000 Besucher erwartet werden, runden das Reiseprogramm geistlich ab.

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