Politik : Schwerste Unruhen in Tibet seit 20 Jahren

Bei gewalttätigen Ausschreitungen in der Hauptstadt Lhasa starben möglicherweise mehrere Menschen

Peking/Neu-Delhi - Bei den schwersten antichinesischen Protesten in Tibet seit knapp zwei Jahrzehnten hat es laut Augenzeugenberichten Tote und Verletzte gegeben. Wütende Tibeter verwüsteten am Freitag in der Hauptstadt Lhasa die Läden von chinesischen Besitzern und setzten sie in Brand. Auf dem Platz vor dem Jokhang-Tempel in der Altstadt seien Polizisten und Feuerwehrleute attackiert, ihre Fahrzeuge umgestürzt und angesteckt worden.

„Die Polizei hat in die Menge geschossen“, berichteten Augenzeugen dem US-amerikanischen Sender Radio Free Asia (RFA). „Es gab Schüsse und Tote“, sagte eine andere Quelle. Ein Augenzeuge habe zwei Leichen am Barkor genannten Pilgerweg um den Jokhang-Tempel in der Altstadt gesehen. Ein Großaufgebot von Soldaten setzte am Abend eine Ausgangssperre durch.

Aus Protest gegen die chinesische Fremdherrschaft unternahmen zwei Mönche einen Selbstmordversuch, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, wie der Sender RFA berichtete. Ihr Zustand galt als „kritisch“. Eine genaue Zahl der Opfer gab es nicht. Die chinesische Staatsagentur Xinhua sprach nur von Verletzten.

Angesichts der Eskalation rief der Dalai Lama die chinesische Regierung und die Demonstranten zur Gewaltlosigkeit auf. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter zeigte sich im Exil im nordindischen Daharamsala „tief beunruhigt“. Die zunächst friedlichen Proteste seien „Ausdruck des tief verwurzelten Ärgers des tibetischen Volkes“ unter der chinesischen Regierung. Seine Landsleute bitte er dringend darum, den Ausweg nicht in der Gewalt zu suchen.

US-Präsident George W. Bush setzt sich für einen Dialog der chinesischen Führung mit dem Dalai Lama ein. Das Weiße Haus erwarte von Peking, die Kultur der Tibeter und die Unterschiedlichkeit der Volksgruppen in der chinesischen Gesellschaft zu respektieren, sagte ein Sprecher in Washington. Das Auswärtige Amt in Berlin und die US- Regierung rieten von Reisen nach Tibet ab. Die Menschenrechtskommissarin der Vereinten Nationen, Louise Arbour, rief die Führung in Peking zur Zurückhaltung auf. China müsse den Tibetern ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Demonstrationen gewähren, hieß es in einer in Genf verbreiteten Erklärung.

Die Ausschreitungen sind vorläufiger Höhepunkt der Proteste anlässlich des Jahrestages des 1959 niedergeschlagenen Aufstandes gegen die chinesische Fremdherrschaft. Seit Montag hatten sich die Proteste auf mehrere Klöster in der Region Tibet und auch in den Provinzen Qinghai und Gansu ausgeweitet, berichteten exiltibetische Gruppen. Die Mönche protestierten gegen die chinesische Einmischung in religiöse Angelegenheiten und die „patriotische Erziehung“ in den Klöstern. Mehrere Mönche sprachen sich direkt für eine Unabhängigkeit Tibets aus. Die Tibeter wollen die Zeit vor und während der Olympischen Spiele in Peking nutzen, um auf ihre Forderung nach mehr Autonomie aufmerksam zu machen. Auch in Indien und Nepal demonstrieren Exiltibeter. Indien ließ 100 Aktivisten unter Arrest stellen, nachdem sie zur chinesischen Grenze marschieren wollten. „Es war immer ein Albtraumszenario der Chinesen, dass sich die einfachen Tibeter den Protesten der Mönche anschließen“, sagte der Tibetexperte Robert Barnett von der Columbia-Universität New York. „Deswegen haben sie in den letzten drei Tagen so große Anstrengungen unternommen, die Proteste der Nonnen und Mönche auf die Klöster außerhalb Lhasas zu begrenzen.“ chm/AFP/dpa

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