Politik : Schwierige Fragen an die Geschichte

„Trilaterales Format“: Deutsch-polnisch-russische Annäherungen in der Erinnerungskultur

Sebastian Bickerich

Berlin - Es ist ein ungewöhnliches Treffen, das da am Donnerstag eröffnet wurde und noch bis zum heutigen Samstag dauert: Deutsche, polnische und russische Historiker diskutieren im Auswärtigen Amt und im Deutschen Historischen Museum über in Stein gewordene Erinnerung – und sie blicken auf die deutsche Sprache des Gedächtnisses, die bis heute vielerlei Ausprägungen hatte und hat. Ob bei Besuchen des Denkmals des polnischen Soldaten in Friedrichshain, des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park, des Holocaust-Mahnmals oder der jüngst eröffneten Topographie des Terrors: Ziel soll es sein, über Erinnerungskulturen als identitätsstiftendes Moment zu diskutieren – auch um zu verhindern, dass „Erinnerung instrumentalisiert wird“, sagte Außenminister Guido Westerwelle zum Auftakt der Konferenz.

Dass die drei Außenministerien aus Berlin, Warschau und Moskau die Veranstaltung gemeinsam organisiert haben, ist eine kleine Sensation – und nur ein kleiner Ausschnitt der immer enger werdenden Zusammenarbeit zwischen den drei Staaten, die so eng noch nie war und Polen geschichtlich endlich dorthin bringt, wo es hingehört: in die Mitte beider Großmächte, nicht als deren Beute.

Seit 2007 arbeiten die Planungsstäbe der drei Außenministerien eng miteinander. Auf Anregung der Spitzenbeamten gab es bereits im vergangenen Jahr eine Historikerkonferenz in Warschau, bei der die historische Forschung im Mittelpunkt stand. Weiteres ist angedacht: gemeinsame Elemente der Diplomatenausbildung etwa oder eine engere Vernetzung von deutschen, polnischen und russischen Forschungseinrichtungen. Kommende Woche treffen sich mit den beamteten Staatssekretären erstmals die Spitzen der Ministerien. Nur ein Name für „das trilaterale Format“ fehlt noch – „sicher nichts mit Achse“, scherzt ein polnischer Teilnehmer.

„Wir sind in einem offenen Prozess, reden miteinander. Das wäre in diesem Kreis vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen“, sagt ein deutscher Spitzendiplomat und erinnert an frühere polnisch-russische Streitpunkte wie etwa das Gedenken an den Massenmord in Katyn oder den Hitler-Stalin-Pakt. Immer wieder gerieten Warschau und Moskau etwa in Fragen der Energieversorgung aneinander; Warschau hatte dabei jahrelang den Eindruck, in Moskau nicht ernst genommen zu werden.

Das ist nun vorbei, und ein bemerkenswert offener Vortrag von Alexander O. Tschubarjan, Direktor des Moskauer Instituts für Allgemeine Geschichte, machte dies deutlich: „Wir müssen uns stärker bewusst machen, dass es auch in unserer eigenen Geschichte Verbrechen gegeben hat“, sagte er und nannte Katyn dabei ausdrücklich. Tschubarjan bezeichnete die deutsche Gedenkkultur als ein „Vorbild und Beispiel“ auch für sein Land – und mahnte eine „ehrliche Aufarbeitung“ stalinistischer Verbrechen an. „Für mein Land ist das auch deshalb so wichtig, weil wir zeigen möchten, dass wir zu Europa gehören“, sagte er. Sein Vortrag endete mit einem von russischen Politikern nur selten gehörten Appell an die Zivilgesellschaft, eine freie Justiz und Demokratie.

Auch Andrzej Kunert vom Rat zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium der Republik Polen würdigte die Zusammenarbeit im „trilateralen Format“. Er weiß, wovon er spricht: Mit Tschubarjan und anderen Politikern, Diplomaten und Wissenschaftlern sitzt er in der „Russisch-polnischen Kommission für schwierige Fragen“, die in den vergangenen Monaten Großes geleistet hat. Außenminister Westerwelle nahm darauf ausdrücklich Bezug. „Wir sprechen über die Vergangenheit – aber damit immer auch über die Zukunft“, sagte er. Sebastian Bickerich

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