Politik : Scientology: Alternativer Karlspreis für Sekten-Gegner

Jan-Martin Wiarda

Ehrlicher als das berühmte Vorbild sollte er nach Vorstellung seiner Initiatoren sein: der "Alternative Karlspreis", der heute, einen Tag nach dem offiziellen Karlspreis, vom "Europäisch-Amerikanische Bürgerkomitee für Menschenrechte und Religionsfreiheit in den USA" verliehen wird. "Wir wollen mit der Zeremonie ein Zeichen setzen, dass es trotz der Clinton-Regierung in Amerika Andersdenkende gibt, die nicht im Scientology-Strom mitschwimmen", sagt Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und Mitglied im Bürgerkomitee.

Clinton, der gestern in Aachen den offiziellen Karlspreis für seine Verdienste um Humanität und Weltfrieden erhielt, habe sich in den letzten Jahren mit dem prominenten Scientologen John Travolta getroffen und sogar einen Beitrag für eine Zeitschrift der umstrittenen Gemeinschaft verfasst. Das Komitee hält den US-Präsidenten deshalb für alles andere als auszeichnungswürdig und will nun den amerikanischen Scientology-Gegner und Investment-Banker Robert Minton mit dem "Alternativen Karlspreis" ehren.

Scientology ging in die Offensive und erhob gegen Minton schwere Vorwürfe: In einem Brief an den Berliner Bischof Wolfgang Huber hieß es, Minton habe "in Komplizenschaft mit Ex-Militärdiktatoren und notorischen Menschenrechtsverletzern in Nigeria" illegale Geldwäschedeals abgewickelt. So habe der Investment-Banker auf dem Weltmarkt im Auftrag Nigerias und ohne Wissen der Gläubigerbanken nigerianische Schuldenverschreibungen zu Billigpreisen zurückgekauft und Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht.

Thomas Gandow bezeichnet die erhobenen Vorwürfe indes als falsch. Der "Lisa McPherson Trust", dessen Vorsitzender der Milton ist, helfe Scientology-Opfern dabei, ihre Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. Scientology führe mit den Vorwürfen eine Rufmordkampagne gegen Milton fort, die sie bereits vor einem Jahr begonnen habe. Zwar hätten Schuldverschreibungsgeschäfte stattgefunden, doch seien die einzig und allein zum Vorteil des nigerianischen Volkes gewesen. "Auf keinen Fall hat sich Milton bereichert."

Dennoch nehmen Zweifel an Miltons Redlichkeit zu. "Transparency International", eine internationale Organisation zur Korruptionsbekämpfung, bestätigt, ohne Namen zu nennen, dass es kriminelle Aktionen im Zusammenhang mit nigerianischen Schuldverschreibungen gegeben habe. Auch in der Kirchenverwaltung sorgen die Vorwürfe für Unruhe. "Wir stellen gerade eigene Nachforschungen an", sagt Propst Karl-Heinrich Lütcke. "Sollte herauskommen, dass da was dran ist, wäre das ein ärgerlicher Punktsieg für Scientology."

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