Politik : Scotland Yard in Beweisnot

Polizei sucht noch immer angebliche Chemiebombe / Verdächtiger angeschossen

Matthias Thibaut[London]

Scotland Yard war am Montag weiter in der Defensive, nachdem sich die in einem Haus in East London vermutete „schmutzige Bombe“ auch nach viertägiger intensiver Suche nicht gefunden hat. Die millimetergenaue Suche in dem Haus im Stadtteil Forest Hill soll jedoch bis Mittwoch fortgesetzt werden. Aus Polizeikreisen sickerten am Montag zwei Versionen durch. Entweder es gab die Chemiebombe nie und die Polizei saß Falschinformationen auf. Oder die Bombe wurde vor der Razzia am Freitagmorgen anderswo versteckt. Die Polizei jedenfalls verteidigte ihre Entscheidung, das Haus per Großeinsatz abzuriegeln und durch Beamte in Gasmasken stürmen zu lassen. Man habe „spezifische Informationen“ gehabt, die sofortiges Handeln verlangt hätten. „Ziel des Einsatzes war, die Wahrheit unserer Informationen zu beweisen oder zu widerlegen und so die Sicherheit der Öffentlichkeit zu garantieren“, sagte der Chef der Scotland- Yard-Terrorabteilung, Peter Clarke.

Polizeikreise hatten von einem mit Chemikalien gefüllten Gürtel oder einer Weste gesprochen, die für einen Selbstmordeinsatz bereit und aktiviert sei. Ein solcher Anschlag hätte Todesopfer im „zwei- oder dreistelligen Bereich“ kosten können. In Presseberichten wurden Anthrax und Zyanid als mögliche Wirkstoffe genannt. Im „Guardian“ beschrieb eine anonyme Polizeiquelle das Dilemma der Terrorfahndung: „Bei anderen Verbrechen kann man warten, bis die Informationen erhärtet sind. In der neuen Welt des Terrorismus hat man diese Zeit nicht.“

In die Kritik kam der Polizeieinsatz auch, weil einer der beiden unter Terrorismusverdacht verhafteten Brüder angeschossen wurde. Mohammed Abdul Kahar wurde am Sonntag zum Verhör aus dem Krankenhaus in das für Terrorismus zuständige Polizeirevier Paddington verlegt. Auch hier gibt es verschiedene Versionen. Inoffiziell verlautet aus Polizeikreisen, der Schuss habe sich bei einem Handgemenge auf der Treppe des Hauses gelöst. Nach der Version der Familie der Festgenommenen wurde Kahar ohne Vorwarnung angeschossen, als er bei der Razzia die Treppe herunterkam.

Offiziell kann sich die Polizei nicht äußern, da der Vorfall nun von der unabhängigen Polizeikontrollkommission IPCC untersucht wird. Sie befasst sich bereits mit den Todesschüssen auf den brasilianischen Elektriker Jean de Menenez im Zuge der dramatischen Terrorfahndung im Juli 2005. Der Fall Menenez hat den Ruf Scotland Yards bereits untergraben. Die Razzia hat nun in dem vorwiegend von Briten bengalischer Abstammung bewohnten Viertel neue Empörung ausgelöst. Hat die Polizei Fehler gemacht, könnte dies die ohnehin geringe Bereitschaft britischer Muslime zur Zusammenarbeit weiter untergraben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar