Politik : Seehofers Welt

Wie der CSU-Vize die Vernunft entdeckte

Robert Birnbaum

Berlin - „Die Linken wollen mehr Staat, die Rechten mehr Markt und die Vernünftigen von beidem etwas“ – Horst Seehofer hat nicht lange gebraucht, um an dem Buch Gefallen zu finden, das er am Montag in Berlin als Laudator vorstellte. Das Zitat zum Beispiel hat dem CSU-Vize sehr behagt. Noch mehr aber wahrscheinlich die Vorstellung, wie gewisse Parteifreunde mit den Zähnen knirschen würden, wenn sie ihn auf dem Podium mit dem Autor Albrecht Müller sähen. Nicht, weil Müller ein Sozialdemokrat mit einer langen Karriere als Berater von Karl Schiller bis Gerhard Schröder ist. Sondern weil sein Buch „Die Reformlüge“ heißt und übel ins Gericht geht mit praktisch der gesamten politischen Klasse von Regierung bis Opposition. Der Tenor: Die reden sich alle vor lauter Reformradikalismus blind und taub.

Das würde der aktive Politiker Seehofer so niemals sagen. Muss er ja auch nicht. Es reicht völlig, „so etwas wie eine Seelenverwandtschaft“ mit dem radikalen Antiradikalen zu bekunden. Und sich dessen Klage über Hysterie, Panikmache und große Worte anzuschließen. Dass die Politiker (die anderen) ständig so täten, als stünden sie vor der größten Herausforderung der Menschheitsgeschichte, und folglich nur noch in Radikalreformen die Lösung sehen! „Soziales neu denken – selbst meine Kirche hat sich dem zugewandt“, seufzt Seehofer. „Der Glaube an das Neue, das ist jetzt das Evangelium.“

Seehofer, sagt Seehofer, glaubt nicht an das Neue. Seehofer findet die „Kultur des ,Vorschlags der Woche’“ grässlich – Vorschläge, die allesamt wirkungslos blieben. Seehofer warnt vor Reformen, die, würde man genauer nachrechnen, mehr Geld kosten als sie einbringen. Kurz, Seehofer zählt sich zu den Vernünftigen. Dass Müller einmal seinen SPD- Landesverband Rheinland-Pfalz einen „autoritätsfixierten Orden“ geschimpft hat, gefällt Seehofer übrigens auch: Er werde das in seinen Wortschatz aufnehmen.

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