Politik : Seelenmassage für Joschka

Die grüne Basis macht ihrem Spitzenmann Mut

Matthias Meisner[Kiel]

Er kommt durch den Hintereingang – und geht rasch in die Offensive. Drei Tage vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein hat Außenminister Joschka Fischer am Donnerstagabend seine Parteifreunde ermuntert, wegen der Debatte um die Visaaffäre nicht den Kopf einzuziehen. Deutlich wie noch nie verteidigt er den umstrittenen Volmer-Erlass, der im März 2000 „im Rahmen des bestehenden Rechts“ Ermessensspielräume bei der Visaerteilung gegeben habe – für Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft, für Familienangehörige von in Deutschland lebenden Ausländern. Mit „grüner Multi-Kulti-Ideologie“ habe der Volmer-Erlass „nichts zu tun gehabt“. Wohl aber mit einer weltoffenen Politik, die es zu verteidigen gelte: „Wir dürfen uns nicht abschotten.“

Es ist eine gespannte Stimmung im Veranstaltungszentrum Max im Kieler Westen, einem ehemaligen Ballsaal. Der Verlust weniger Stimmen am Sonntag kann das Ende von Rot-Grün im Kieler Landtag bedeuten. Für Fischers dreiviertelstündigen Wahlkampfauftritt wird der zuvor in warmes rotes und grünes Licht getauchte Saal hell erleuchtet. Umso besser ist zu sehen, wie angestrengt der Außenminister ist, der erst zu Wochenbeginn spät und auch dann nur nach und nach auf die Vorwürfe reagiert hat. Im grauen Nadelsteifenanzug steht Fischer auf der Bühne. „Wenn ich Mist gebaut habe, stehe ich dafür gerade“, sagt er und lässt sich dafür bejubeln. Wenn es Fehler und Versäumnisse gehe, dürfe die Aufarbeitung nicht erst im Herbst 1998 beginnen, als Rot-Grün die Macht im Bund übernahm, betont der Spitzen-Grüne.

Fischer, Deutschlands nach wie vor populärster Politiker, ist weniger konzentriert als gewohnt. Die CDU-Chefin nennt er „Herrn Merkel“ und einmal spricht er statt von Schleswig-Holstein von NRW. Er entschuldigt sich dann rasch: „Ich hatte ganze drei Tage Weihnachtsurlaub.“ Anne Lütkes, Justizministerin in Kiel und grüne Spitzenkandidatin, ruft von ihrem Plastikstuhl in der ersten Reihe: „Aber wir schaffen das!“ Einige der Zuhörer halten vorbereitete Transparente in die Höhe: „Joschka jetzt erst recht“. Für die Grünen in Schleswig-Holstein bedeutet die Debatte um Fischer eine unerwartete Herausforderung. Einerseits erleben sie im Wahlkampf, dass die Bürger im Bundesland das Thema nur am Rande interessiert. An den Ständen, etwa der seit Ende Januar täglich geöffneten Wahlkampfbude in der Kieler Fußgängerzone, wird viel gefragt – nach der Schulpolitik, Steuern, Dosenpfand und der NPD. Selten mal kommt einer und schimpft dann etwa über die „Hottentotten“, die der Außenminister ins Land gelassen habe. Dennoch: der Wahlausgang am Sonntag, so sind die Grünen überzeugt, „wird auf jeden Fall knapp".

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