Politik : „Seelsorge ist auch für Terroristen da“

Der EKD-Vorsitzende Bischof Wolfgang Huber über die RAF, Kapitalismus in der Kirche und den Islam

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Herr Huber, was ist, ganz persönlich, der Kern Ihres Glaubens?

Gottvertrauen, Zuversicht und Nächstenliebe.

Warum war dann auf dem „Zukunftskongress“ der evangelischen Kirche in Wittenberg so viel von „Qualitätsmanagement“ und „Leistungsbewusstsein“ die Rede? Verliert die evangelische Kirche ihre Seele?

Im Gegenteil. Wir wollen den Kern des christlichen Glaubens wieder ins Zentrum rücken. Menschen sollen ermutigt werden, klar zu sagen, was ihnen am Glauben wichtig ist. Alle, die Verantwortung in der Kirche tragen, müssen das Kerngeschehen von Kirche wichtig nehmen und intensiv an der Qualität der Gottesdienste und der Seelsorge arbeiten. Fragen der Organisation, der Finanzen, der Demografie bilden nur die Rahmenbedingungen. Wittenberg war eine Arbeitstagung auf diesem Weg und keine Inszenierung für die Öffentlichkeit.

Wenn eine große Automobilfirma einen „Zukunftstag“ veranstalten, aber nicht ihr neues Modell zeigen würde, sondern die Lagerhalle, würde man sich wundern.

Die Kirche hat es nicht mit der Herstellung von Produkten zu tun. Sondern sie trägt die eine unveränderliche Botschaft des christlichen Glaubens in die Welt. Die Kirche erneuert sich auch nicht, indem sie einem neuen „Hype“ das Wort redet, sondern indem sie sich intensiv biblischen Texten zuwendet. Den Zukunftskongress prägte das Luther’sche Wort von der „Freiheit eines Christenmenschen“. Die reformatorische Idee der Freiheit durchzog die eindrücklichen Bibelarbeiten und den bewegenden Abschlussgottesdienst.

Viele Kritiker haben das „Impulspapier“, das dem Reformprozess zugrunde liegt, durchaus als neuen „Hype“ gelesen. Es liest sich in weiten Teilen, als hätten es Unternehmensberater geschrieben.

Es gibt die klare biblische Regel: „Prüfet alles und das Gute behaltet.“ Wenn mir jemand nachweist, dass die sparsamen Anleihen bei Erfahrungen eines guten wirtschaftlichen Managements dazu führen, dass wir den Kern des christlichen Glaubens verbiegen, stelle ich mich der Kritik sofort. Wer sich aber weigert, von Strategien zu lernen, die sich in anderen Bereichen bewährt haben, der bleibt hinter dem biblischen Gebot zurück. Im übrigen loben manche ja auch, dass wir etwas machen, was so in anderen Bereichen nicht stattfindet, auch nicht in den anderen christlichen Kirchen. Und wenn wir dabei Fehler machen, räumen wir das ein. Wir machen das zum ersten Mal.

Warum ist die evangelische Kirche seit Wittenberg so angreifbar?

Ich gebe zu, dass das Wittenberger Impulspapier Anstößiges enthält. Anstößig ist die Vorstellung, dass es überhaupt Maßstäbe dafür gibt, was als Verbesserung im kirchlichen Leben gelten kann. Ein Pfarrer hielt mir vor, es sei absurd, quantitative Angaben über Gottesdienstbesuche zu machen und davon auf die Qualität des Gottesdienstes zu schließen. Wir machen es anders, sagte er mir, wir versuchen, unsere Gottesdienste kinder- und jugendfreundlicher zu gestalten. Ich habe geantwortet, dass er dann aber auch irgendwann prüfen muss, ob das gelungen ist, ob tatsächlich mehr Jugendliche kommen. Wenn nicht, dann sollte man die Ursache dafür doch im kirchlichen Angebot suchen und nicht seine Zuflucht dazu nehmen, dass die Kinder angeblich zu doof sind!

Vor kurzem kam die „Bibel in gerechter Sprache“ auf den Markt, was viele erschreckend an das Gutmenschentum der 80er Jahre erinnerte.

Das ist keine Veröffentlichung der EKD, wir haben sie auch nicht für den kirchlichen Gebrauch autorisiert. Inzwischen zeigt die Diskussion über diesen Text: Er genügt den Anforderungen an eine Übersetzung nicht. Dass eine Übersetzung immer auch Interpretation enthält, wird hier umgedreht: Die Interpretation wird als Übersetzung ausgegeben. Das ist ein Verstoß gegen das reformatorische Schriftprinzip. Gerechtigkeit ist ein zentrales Thema der Bibel. Aber man kann doch nicht unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit einen Bibeltext so verdrehen, dass etwa dort, wo eindeutig zwölf Männer gemeint sind, „Apostelinnen und Apostel“ geschrieben wird und der Leser den Eindruck erhält, als hätte es in diesem Kreis auch Frauen gegeben.

Muss es den religiös Interessierten leicht gemacht werden, zur Kirche zu finden?

Es gibt Rituale und Inhalte, die von ihrer Sperrigkeit leben. Aber wir errichten auch Schwellen zum Zugang zum Heiligen, zum Spirituellen, die unnötig sind. Zum Beispiel, wenn Gottesdienste nicht sorgsam genug vorbereitet und gestaltet werden. Wir arbeiten daran, dass der evangelische Gottesdienst deutlicher erkennbar ist zwischen Flensburg und München, zwischen Aachen und Görlitz, und zwar an seiner Form, nicht an seiner Formlosigkeit.

In die Kirchen gehen nicht viele, aber die evangelischen Schulen verzeichnen einen enormen Zulauf. Warum?

Ich glaube, die Suche nach Werten motiviert Eltern dazu. Unsere Schulen haben den Ruf, dass sie Werte anders vermitteln, dass die Schüler in der Gemeinschaft anders miteinander umgehen, dass die Eltern anders miteinbezogen werden als an staatlichen Schulen.

Früher kamen viele zur Kirche über ein politisches Engagement. Heute ist es die Suche nach dem Spirituellen, Frommen.

Ja, der Glaube selbst, das Ur-Christliche, rückt wieder ins Zentrum. Zudem gibt es die Polarisierung zwischen den Frommen und den politisch Engagierten so nicht mehr.

In Deutschland wird über eine Begnadigung ehemaliger RAF-Terroristen diskutiert. Vor gut dreißig Jahren hat Ihr Vorgänger, der Berliner Bischof Kurt Scharf, Ulrike Meinhof im Gefängnis besucht. Muss die Kirche diesen Teil ihrer Vergangenheit aufarbeiten?

Die Diskussion darüber muss stattfinden. Aber meinem Vorgänger ist viel Unrecht geschehen, weil seine seelsorgerlichen Motive nicht genügend gewürdigt wurden. Es stimmt natürlich: Unsere Kirche war im Guten wie im Schlechten auch ein Teil der 68er-Bewegung.

Würden Sie es, ganz spekulativ, für richtig halten, wenn ein Imam aus seelsorgerlichen Gründen einen inhaftierten Osama bin Laden im Gefängnis besuchen würde?

Wenn ich sicher sein könnte, dass er eine ebenso seelsorgerlich geprägte Persönlichkeit ist wie Kurt Scharf, wäre ich ausdrücklich dafür. Gerade einem Terroristen ist seelsorgerlich manches zu sagen.

Würden Sie ihn dafür verteidigen?

Wenn die Voraussetzungen gegeben wären, würde ich dafür öffentlich eintreten. Weil auch ich mir vorbehalten will, dass ich als Bischof jemanden seelsorgerlich besuche, auch wenn die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sehr schwer wiegen.

Vor wenigen Tagen haben muslimische Verbände ihre Teilnahme an einem Treffen mit Ihnen abgesagt. Grund dafür ist eine neue Broschüre der EKD mit dem Titel „Klarheit und gute Nachbarschaft“. Können Sie das verstehen?

Nein. Es ist kein guter Stil, eine feste Verabredung nicht einzuhalten. Vor einem Jahr hatten wir vereinbart, dass ich auch dieses Jahr wieder zum Dialog einlade. Wenn es jetzt von muslimischer Seite heißt, dass sie gern einladen möchten und nicht nur auf meine Einladung reagieren wollen, dann hätten die Verbände das auch vor einem Jahr sagen können. Es beunruhigt mich zugleich, dass in dem Moment, in dem unsere Schrift „Klarheit und gute Nachbarschaft“ auch schwierige Themen anspricht und klare Positionen markiert, gesagt wird, das erschwere den Dialog. Man kann jedoch einen Austausch, der solche Themen ausspart, gar nicht als Dialog bezeichnen.

Die Muslime kritisieren, dass gleich im ersten Absatz von christlicher Mission und Wahrheit die Rede ist.

Die Handreichung richtet sich an Christen wie an Muslime. Unser Selbstverständnis als christliche Kirche hat also in diesem Text einen berechtigten Ort. Es wäre auch nicht richtig, wenn im Gespräch zwischen Muslimen und Christen Wahrheitsfragen und Fragen der Verkündigung beiseitegestellt würden. Vielleicht wurde zu lange nur über das Gemeinsame geredet. Jedenfalls wissen wir heute, dass das nicht weiterführt. Man kann nur wirklich tolerant sein, wenn man im eigenen Glauben beheimatet ist und den anderen zu verstehen sucht, ohne die eigene Identität zu verleugnen.

Meinen Sie, in der Wahrheitsfrage kommen zwei überhaupt zusammen?

Sie müssen ja nicht in jedem Fall zusammenkommen. Aber dann müssen sie sich in ihrer Unterschiedenheit aushalten.

Das Gespräch führten Andrea Dernbach, Claudia Keller und Malte Lehming. Das Foto machte Mike Wolff.

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